Berlin : „Sie haben einen Knall!“

Rechtsanwalt wegen Beleidigung eines Richters vor Gericht

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Zwei ganz Erfahrene ihres Standes sind sie: Rechtsanwalt Hubert D., 57 Jahre alt, und Richter Ulrich W., 64 Jahre alt. „Ich war Verteidiger in über 500 Schwurgerichtsverfahren“, erklärt der frühere Anwalt von StasiChef Erich Mielke. „Ich bin der derzeit dienstälteste Richter in Moabit“, sagt der langjährige Vorsitzende der 8. Großen Strafkammer. Gestern aber saßen sie ohne Robe im Saal B 228 des Amtsgerichts Tiergarten und gingen ein Jahr nach einem lautstarken Krach knallhart miteinander ins Gericht.

Es geht um eine Beleidigung im Saal 501. Empört über den Richter rief der Anwalt: „Haben Sie einen Knall? Sie haben einen Knall!“ Die Äußerung bestreitet Hubert D. nicht. „Aber ich habe nur auf Unverschämtheiten adäquat reagiert, Herr W. hat angefangen.“ Der Richter habe ihn in dem Prozess um Rauschgifthandel „auf wilhelminische Art geschulmeistert“. Er sei ihm ständig ins Wort gefallen, habe höhnisch behauptet: „Sind Sie schwerhörig, Herr D.?“ Schließlich hatte der Richter wenig Verständnis dafür, dass D. vor dem Schlusswort des Angeklagten zu einem anderen Termin eilen wollte. „Sie bleiben hier“, habe der Richter gebrüllt. „Obwohl ein zweiter Verteidiger anwesend war“, wettert der angeklagte Anwalt.

„Ein Richter, der so gegen einen Verteidiger vorgeht, der ist von Sinnen“, sagt der Anwalt. Da könne man auf Berlinerisch sagen: „Sie haben einen Knall.“ Das sei dann keine Beleidigung, sondern eine Tatsachenbehauptung. Der Richter sieht das natürlich ganz anders: „Er hat mich ehrverletzend herabgesetzt.“ Er habe es „nicht besonders kollegial“ gefunden, dass der Anwalt kurz vor Ende des damaligen Prozesses gehen wollte, ihn deshalb zum Bleiben aufgefordert, sagte W. „Vielleicht etwas lauter, aber ich habe eben eine laute Stimme.“

Der Anwalt sagt, Richter W. sei „nicht besonders prädestiniert für den Beruf“. Der Richter berichtet: „Ich kannte Anwalt D. von einer privaten Veranstaltung, da ist er unangenehm-lächerlich aufgefallen.“ Viele Zeugen sollen gehört werden – nach vier Stunden gab der Amtsrichter auf. Der Prozess gegen Hubert D., der sich im selben Verfahren auch wegen Beleidigung eines Regierungsamtsrats verantworten muss, wird voraussichtlich im Herbst neu aufgerollt. K.G.

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