SIE SANGEN SEINE SONGS : Mr. Ohrwurm

Albert Hammond haben die Stars ihre Hits zu verdanken. Mit den Songs tritt er nun selbst auf. Begegnung mit einer Legende.

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Joe Cocker. Er klagte melodiös „Don’t you love me anymore?“ Fotos: AFP, dpa (2) Foto: picture alliance / dpa
Joe Cocker. Er klagte melodiös „Don’t you love me anymore?“ Fotos: AFP, dpa (2)Foto: picture alliance / dpa

Nicht auszudenken, der Mann wäre tatsächlich Elektriker geworden. Einer ganzen Generation wäre der Soundtrack ihres Lebens verloren gegangen. „One Moment in Time“, „Down by the River“, „The Air that I Breathe“. Albert Hammond lächelt charmant. Jetzt atmet er gerade Berliner Luft, und die tut ihm offenbar gut. In Berlin ist er öfter mal zu Besuch, er hat etliche Freunde hier. Wir treffen ihn in der kleinen, aber gemütlichen Lobby des Hotels Sir F. K. Savigny in der Kantstraße, ein zuvorkommender, schmaler, drahtiger Mann, Küsschen zur Begrüßung, dann die höfliche Frage: „Darf ich noch einmal kurz das Bad benutzen?“ Im linken Ohrläppchen blinkt ein Brillant, er trägt einen grauen Kapuzenpulli, und ein schwer fassbares Charisma umgibt ihn. Dem Klischee „Altes Zirkuspferd, das nicht abtreten kann“, entspricht er überhaupt nicht. Eher vermittelt er immer mal wieder den Eindruck, die Musik sei für ihn eine Art Gottesgeschenk.

Es war gar nicht sein im Alter von 63 Jahren früh verstorbener Vater, der in ihm einen soliden Elektriker sah, sondern dessen ältere Brüder, erzählt er dann. Die dachten, er sei einer von ihnen. Dabei sang der Brite, der auf Gibraltar aufwuchs, schon im Alter von fünf Jahren Soli in der Kirche. Als Achtjähriger wusste er, dass die Musik sein Leben bestimmen würde. Er ging zum Friseur, aber nicht, um sich die Haare schneiden zu lassen, sondern weil der Flamenco-Gitarre spielte und ihm ein paar Akkorde beibringen konnte. Endlich konnte der kleine Albert sein großes Idol Buddy Holly nachahmen. Der Schwung, mit dem er in „Free Electric Band“ sang „My Father is a Doctor...“, klingt noch im Ohr, aber sein Vater war gar kein Doktor, sondern ein Feuerwehrmann, der seinen Sohn einfach nur glücklich sehen wollte.

Seit 40 Jahren lebt Albert Hammond nun in Los Angeles, und wenn es dort regnet, spielen sie im Fernsehen immer etwas anklagend seinen Hit „It Never Rains in Southern California“. Tatsächlich ist das Wetter dort ähnlich wie in Gibraltar, und der Hit handelt auch mehr vom Scheitern als vom Regenwetter.

Der Mann, der ihn schuf, stand lange nicht im Rampenlicht, aber das hatte einen guten Grund. Als sein Sohn Albert Jr. geboren wurde, wollte er nicht denselben Fehler wie bei seinen beiden älteren Töchtern machen, den er bereut. „Ich wollte ihn aufwachsen sehen, wollte bei ihm sein, Zeit für ihn haben.“ Also trat er von der Bühne ab und aus dem Tourneezirkus aus, schrieb fortan Songs für andere. Für Joe Cocker und Art Garfunkel, Tina Turner und Diana Ross, für The Hollies, Whitney Houston, Céline Dion, Chris de Burgh und Neil Diamond. Das Opfer bestand darin, kein Star mehr zu sein.

Stars sind die Leute, die auf der Bühne stehen und singen. „Niemand fragt danach, von wem die Songs sind.“ Der Vorteil: Er konnte abends zu Hause sein, am Familientisch mit dem Sohn den Tag besprechen, ihn mit ins Studio nehmen. Mit der Mutter von Albert Jr. ist er seit 36 Jahren verheiratet. Die Argentinierin hatte er bei einem Konzert in ihrer Heimat kennengelernt. Wenn man ihn heute nach Albert Jr., dem Gitarristen der Strokes, fragt, sagt er: „Ich bin ein sehr, sehr stolzer Vater.“ Der Sohn war es schließlich auch, der ihn zurückgeholt hat auf die Bühne. „Eines Tages stand ich in einem Konzert der Strokes, atmete die Luft ein und wusste, dass ich zurück will auf die Bühne.“

Trotzdem war die Unterbrechung gut. Hätte er damals mit dem Touren nicht aufgehört, wären viele Hits der Popgeschichte nicht zustande gekommen. Dafür braucht man Muße, man kann sie nicht erzwingen. „Einmal bin ich um drei Uhr nachts wach geworden, habe mich fast noch schlafend ans Klavier gesetzt, meinen Rekorder eingeschaltet und ein Lied gespielt.“ Am nächsten Morgen sagte er seiner Frau Claudia: „Du, ich glaube, ich habe ein neues Lied geschrieben.“ Er schaltete den Rekorder ein und hörte sich erstaunt „Follow Your Dreams“ an.

„Ich weiß nicht, wo es herkommt, manchmal fühlt es sich so an, als benutze eine höhere Macht mich als Instrument, um diese Musik in die Welt zu bekommen.“ Als Arbeit mag er das nicht bezeichnen. In 50 Jahren hat er über 1000 Songs geschrieben. Und ja, es gibt trotzdem Zeiten, in denen ihm nichts einfällt und er in Panik gerät: „War’s das etwa schon?“ Und dann irgendwann fließt es wieder auf geheimnisvolle Weise. „To all the Girls I’ve Loved Before“. „Nothing’s Gonna Stop Us Now“. „Down by the River“. Eine Auswahl der Songs, die er für andere geschrieben ha, ist gerade auf der CD „Legends II“ erschienen. Als kürzlich in London ein DJ ein Medley mit seinen Nummern spielte, hatte der Songwriter plötzlich Tränen in den Augen.

Gibraltar ist immer noch seine zweite Heimat. Es sei gut gewesen, dass er dort zweisprachig aufwachsen konnte und so vielen musikalischen Einflüssen ausgesetzt gewesen sei, arabischer Musik ebenso wie den Hymnen der Church of England und Country-Weisen.

Hammond ist ein Familienmensch. Ganz stolz ist er auf seine drei Enkel, die ihm die Töchter aus einer früheren Ehe geschenkt haben. Er ist gern mit jüngeren Menschen zusammen, weil die ihm Energie geben. Eine seiner Töchter sah sich mit 42 Jahren vor die Wahl gestellt, entweder eine Brust an den Krebs zu verlieren oder eine Chemotherapie zu machen und für immer auf Kinder zu verzichten. „Sie hat die richtige Entscheidung getroffen, dafür hat ihr eine höhere Macht dieses wunderbare Kind geschenkt.“

Um seine Tournee gut zu bewältigen, lebt er bewusst gesund. Das mit dem Rauchen und Trinken lässt er, spielt lieber Tennis und Fußball und läuft jeden Tag fünf bis sechs Meilen. Wegen der Clubs kommt er nicht nach Berlin. Denn er liebt es inzwischen, früh aufzustehen, in der Regel um sechs Uhr. Mit 69 Jahren ist er zu der Überzeugung gelangt, dass das Tageslicht eine ganz besondere Kraft vermittelt und man deshalb soviel wie möglich davon mitkriegen sollte.

Albert Hammond & Band, 13. Mai, 20 Uhr, Passionskirche, Marheinekeplatz 1

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