Berlin : Sie sehen Sternenhimmel, oho

In Adlershof steht neuerdings ein ulkiges Ding, knallrot und schwer wie ein Kleintransporter. Und was ist das jetzt genau?

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Das rote Dingsda. Anwohner bleiben hier gern irritiert stehen. Es ist schwer zu übersehen – wie der Mann verdeutlicht, der vor dem riesigen Bauwerk zu erkennen ist.Foto: Thomas Loy
Das rote Dingsda. Anwohner bleiben hier gern irritiert stehen. Es ist schwer zu übersehen – wie der Mann verdeutlicht, der vor dem...

Die Adlershofer haben sich längst an die seltsamen Experimente ihrer Wissenschaftler gewöhnt. Zum sorgsam gehegten Kulturerbe gehören ein bunkerartiger Trudelturm plus Windkanalröhre aus Vorkriegsproduktion, ein Ökotopia-Haus aus der Solarstromepoche und zwei raumschiffartige Kugeln aus der Hochzeit der DDR-Akademie der Wissenschaften. Angeblich ein schnödes Chemielabor.

Die Messlatte hängt hoch, da wollten sich die Teilchen-Physiker vom Desy-Zentrum Zeuthen nicht lumpen lassen und auch mal was Großes schaffen, das ins Auge fällt. Auf dem Forschungscampus am Ernst-Ruska-Ufer, nicht weit von der A 113, entsteht ein Gammastrahlenteleskop in Signalrot; die korrekte Bezeichnung: Cherenkov Telescope Array CTA. Mit solchen an Sat-Schüsseln erinnernden Geräten sollen ab 2021 schwarze Löcher, dunkle Materie, Sternexplosionen und „gigantische Mahlströme“ in fernen Galaxien aufgespürt werden.

Dolles Ding also, aber es hat einen Haken: Das Adlershofer Riesenteleskop ist nur ein Prototyp zum Ausprobieren. Die Desy-Leute sind innerhalb eines großen internationalen Forschungsprojekts für die Entwicklung von Mechanik und Steuerung zuständig. 50 bis 100 Teleskope sollen gebaut werden und dann zusammen die Gammastrahlung auffangen. Eigentlich sind es nur nanosekundenkurze Lichtblitze, die von Spiegeln aufgefangen und gebündelt an eine Spezialkamera geschickt werden, die sie dann festhält. Wo die Teleskope stehen werden, ist noch nicht ausgemacht. Jedenfalls tonnenschwere Spezialtechnik, allein die Kamera wiegt soviel wie ein Kleintransporter. Selbst das Signalrot ist kein Zufall, das hat was mit der Lichtabsorption zu tun, aber das sprengt hier jetzt den lokalredaktionellen Rahmen. Wichtig bleibt festzuhalten, dass es sich nicht um ein aufblasbares Kleingartenriesenrad handelt und ebensowenig um eine als Abhörstation für Funksignale von Außerirdischen getarnte US-Raketenabfangbasis mit dem Codenamen Red Kim.

Nähere Informationen wird es zur Inbetriebnahme am 22. Mai geben – dann sind hoffentlich schon die Spiegel eingebaut. Astrofans sollten auch die Lange Nacht der Wissenschaften am 8. Juni vormerken. Das bizarre Gammastrahlen-Teleskop gehört zu den Adlershofer Highlights, von 17 Uhr bis Mitternacht wird es stündlich bewegt. Thomas Loy

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