Berlin : Sie stehen auf Berlin

Heute singen Bloc Party ihre Hymne „Kreuzberg“ in der Columbiahalle Damit liegen sie im Trend: Musiker entdecken die Stadt für ihre Songs

Sebastian Leber

Wenn Bloc Party dieses Lied in London oder New York spielen, rätseln die Fans, welche sonderbaren Orte darin vorkommen. Was soll das für eine „East Side Gallery“ sein, die Frontmann Kele Okereke besingt? Welcher „Hauptbahnhof“ ist gemeint? Und was ist das überhaupt für ein komischer Songtitel: „Kreuzberg“?

Heute Abend wird Kele Okereke in wissende Gesichter schauen. Dann spielt seine Band in der Columbiahalle, das Konzert ist längst ausverkauft – wie fast überall, wo die vier Briten derzeit auftreten. „Kreuzberg“ ist ein Liebeslied, der Sänger hat es geschrieben, weil er mal einen melancholischen Abend in Berlin durchlebt hat. In seiner Lieblingsstadt, wie er gerne sagt.

Bloc Party sind nicht die Einzigen. Viele große Popkünstler haben Berlin besungen. Lou Reed, David Bowie, U2, natürlich auch deutsche. Aber jetzt bricht ein neuer Trend los: Bei international erfolgreichen Bands und Künstlern ist es wieder mächtig angesagt, Berlin in Songs zu verarbeiten. Weil sie hier musiziert, gefeiert, Zeit verbracht haben. Oder einfach, weil Berlin Thema ist.

Das Ein-Mann-Pop-Projekt Beirut sang im vergangenen Jahr über Prenzlauer Berg. Letzte Woche brachten Black Rebel Motorcycle Club aus Kalifornien ihr neues Album raus – auch darauf findet sich ein Song namens „Berlin“. Die schönste Berlin-Hymne des Jahres kommt aber von Rufus Wainwright. Dem kanadischen Songwriter, der letztes Jahr einige Monate an der Spree verbracht und sein neues Album aufgenommen hat. Das erscheint übernächste Woche – inklusive des herrlichen Liebesliedes „Tiergarten“. Darin beschreibt Wainwright, wie er trotz Wind und anderer Widrigkeiten schwer verliebt durch den Tiergarten spaziert. „Doesn’t matter if it is raining. We’ll get to the other side of town.“ Der Titel könnte bei Amerikanern zu interessanten Fehlinterpretationen führen, glaubt Wainwright. Weil „Tiergarten“ wie „Tear garden“ klingt. Garten der Tränen, wie romantisch. Aber US-Fans, die das Album vorab hören durften, sind begeistert von „Tiergarten“ und schwärmen in Internet-Foren über die Schönheit des Parks. Sie haben sogar Fotos aufgetrieben und ins Netz gestellt. Ein Fan verweist auf eine Bilderseite der Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Tenor: Den Park sollte man live erleben. Und dazu am besten Wainwrights Song über Kopfhörer lauschen. Der Sänger selbst ist gerade wieder in der Stadt, heute Abend legt er als DJ im „Cookies“ auf.

Wenn deutsche Bands Songs über Berlin schreiben, dann sind das seit einiger Zeit vor allem anklagende Stücke. Weil sie darin verarbeiten, dass gute Freunde oder Lebensgefährten aus ihrer Stadt nach Berlin übergesiedelt sind. Eine wahre Anti-Hymne lieferten vor vier Jahren Angelika Express aus Köln. „Geh doch nach Berlin, wohin deine Freunde ziehn“ hieß es bei ihnen zynisch. Der Sänger von Kettcar beklagte in einem Lied, seine Freundin sei für einen neuen Job an die Spree gezogen, „in eine höhere Liga“, und dass daran ihre Beziehung zerbrach. Auf Konzerten kündigt er das traurige Lied mit der Bemerkung an, dass Berlin leider die „schönsten Töchter und stärksten Söhne“ des Landes aufsauge. Und jetzt hat auch noch Schmusesänger Kim Frank ein Lied darüber geschrieben, wie ihn einst eine Frau verließ, weil sie unbedingt in Berlin-Mitte wohnen wollte.

Wieder mal ihrer Zeit voraus waren Tocotronic aus Hamburg. „Der da drüben ist jetzt DJ in Berlin. Überhaupt ziehn jetzt einige dahin“ haben sie schon 1995 gesungen. Das hat Sänger Dirk von Lowtzow aber nicht böse gemeint. Inzwischen ist er selbst längst hierhergezogen.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben