Berlin : Sie war so schüchtern

Juliane Schäuble

Kai-Michael Becker hat instinktiv eine gute Wahl getroffen, vor sechs Jahren: Als sich der Zweiundzwanzigjährige entscheiden muss, wo und wie er seinen Zivildienst absolvieren würde, beschließt er, sich für sieben Jahre beim Malteser Hilfsdienst zu verpflichten, für zweihundert Stunden im Jahr. Die Arbeit macht ihm Spaß und er genießt die Gemeinschaft im "Bereich Mitte", vor allem, als sich dort zwei Monate später eine Freiwillige "ganz schüchtern" vorstellt: Die zwanzigjährige Sonja hat im Fernsehen eine Reportage gesehen, dass man sich bei den Maltesern zur Rettungssanitäterin ausbilden lassen kann.

Der Arzthelferin passt das perfekt in ihre Lebensplanung, und auch ihr gefällt es so gut, dass sie seitdem dabeigeblieben ist. Zwischen Sonja und Kai-Michael entwickelt sich schon bald eine ganz besondere Freundschaft. Beim Gruppenabend am Dienstag oder bei den Einsätzen am Wochenende reden sie über Gott und die Welt, unter anderem auch über die Probleme in ihren jeweiligen Beziehungen.

Kai-Michaels Kollegen spüren sein Interesse an Sonja, räumen ihm aber keine Chancen ein. "Ich wusste gleich, dass sie was ganz Besonderes ist, aber die anderen meinten nur, dass ich das sowieso nicht schaffen würde", sagt der Finanzbeamte heute. Diese Einschätzung scheint sich zu bewahrheiten, als Sonja aufgrund neuer Nebenjobs vom Bereich Mitte in den Bereich West wechseln muss und sich die beiden erst einmal aus den Augen verlieren.

Im November letzten Jahres wird Sonja ein Einsatz bei einem Konzert in der Max-Schmeling-Halle zugeteilt. "Als ich mich umgeschaut habe, ob ich jemanden kenne, sah ich Kai-Michael unten an der Bühne stehen." Sie lässt ihn anfunken, dass er zu ihr nach oben kommen soll. Er ist so erfreut, dass er beschließt, diese Mal seine Chance zu nutzen: Er fragt Sonja, ob sie mit ihm ausgehen möchte. Der Zufall will, dass beide inzwischen Singles sind, allerdings hat Sonja ihre letzte Beziehung noch nicht ganz verarbeitet. Trotzdem sagt sie ja, und beim Telefonieren am nächsten Abend verabreden sie sich zum Kino für das kommende Wochenende. Sie gehen noch zweimal essen, bevor es im Irish Pub in Reinickendorf endgültig funkt, am 22. Dezember 2000.

Die Hochzeit findet elf Monate später im kleinen Kreis statt, nur die engste Familie und die Trauzeugen sind bei Standesamt und Feier dabei. Vor allen anderen Freunden und Bekannten wird das Ereignis geheim gehalten. Die Kollegen erfahren von der Hochzeit erst, als die Einsatzleiterin bei den Frischverheirateten anruft und Sonja sich mit "Becker", ihrem neuen Nachnamen meldet.

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