Berlin : Sie wollen doch nur spielen

Die Erlebnishungrigen übernehmen die Kneipen: Wo abends beim Bier gekickert, gesungen und selbst aufgelegt wird Und wo sich Barbesucher als virtuelle Fastfood-Köche versuchen können

Verena Friederike Hasel

Neulich in der Kneipe: Der Kellner tritt an einen Tisch. „Was darf ich Ihnen bringen?“, fragt er den Gast, ganz routiniert höflich. Das verrate er nicht, erwidert dieser, gluckst vergnügt, fährt dann fort: „Wir machen’s so: Sie dürfen dreimal raten und ich wette …“ Irritiert tritt der Kellner einen Schritt zurück. „Ich sage Ihnen auch den ersten Buchstaben“, bietet der Gast an. Der Kellner weicht weiter zurück. „Lieber eine Runde Armdrücken?“ Der Kellner flieht in die Küche. „Bitte bleiben Sie!“, fleht der Gast. „Ich will doch nur spielen!“

Gut, die Szene ist ausgedacht. Aber gäbe es den Mann, könnte ihm geholfen werden: In Berlin gibt es jede Menge Spaß- und Erlebnisbars, in denen der Zenit der Spannung nicht damit erreicht ist, dass man sich den Platz dicht am Zapfhahn, unweit von der Erdnussschale sichert.

In der Zyankali Bar in Kreuzberg zum Beispiel kann man jeden Donnerstag die Fäuste schwingen. Der Gegner heißt Dil und ist ein kleines Comicmännchen. Zu ihm in den Ring gelangt man, indem man sich vor einer Kamera in der Mitte des Raumes postiert. Diese ist an eine interaktive Spielkonsole angeschlossen, nimmt einen auf und projiziert das Bild dann auf eine Leinwand zu Dil. So wird man selbst zur Spielfigur, und während man meint, Dil gerade einen Eins-a-Haken zu versetzen, hampelt und fuchtelt man eigentlich nur in der Luft herum – mit hohem Unterhaltungswert für die Umsitzenden.

Man kann aber auch etwas lernen: Burgerbelegen im Akkord etwa. Da sieht man sich auf der Leinwand an einem Fastfood-Tresen stehen und muss ranklotzen; zack, eine Käsescheibe aufs Brot, Fleisch dazu, zwischendurch Gurken klein schneiden und Tomaten pürieren, denn der Ketchup ist aus. Weitere Angebote auf der Spielkonsole: Maniküre an unentwegt nachwachsenden Nägeln und eine Probeanstellung als DJ.

Die findet man auch im echten Leben einen Bezirk weiter: „Bring your music, be the DJ“, heißt es ebenfalls donnerstags in der Schöneberger Jansen Bar. Bei Bedarf erklärt Oliver Mannal, der Bar-Betreiber, kurz das Arbeitsgerät: Rechts und links ein Plattenspieler, dazwischen das Mischpult. Und schon kann man einen Abend lang seine Privatplatten auflegen. Meist sind’s Männer, die DJ spielen wollen – vielleicht weil es eine Zeit gab, irgendwann nach den Briefmarken, in der man Frauen mit einem Hinweis auf die imposante Plattensammlung ködern konnte. Egal was der Grund ist – auf jeden Fall lassen sich die Frauen da etwas entgehen. Beim Auflegen stellt sich die alte Faszination des Mixkassettenmachens ein: Wieder ein Lied nach dem anderen wie einzelne Perlen auf die Klangkette ziehen, diesmal aber nicht nur für eine Person, sondern im großen Maßstab für rund 80 Menschen. Da kann man dann mal einen roten Faden durch alle Stücke fließen lassen, mal Brüche erzeugen. Mannal empfiehlt außerdem: „Immer ein langes Stück dabei haben, falls man mal auf Toilette muss.“

Damit wäre „Song 2“ von Blur mit seinen zwei Minuten kein tauglicher Song für einen Klogang. Auf Tischfussballturnieren wird er trotzdem gern gespielt. In Berlin finden diese zum Beispiel regelmäßig in der Schwalbe im Prenzlauer Berg statt. Tritt man hier an, sollte man sich schon ein bisschen auskennen mit dem Kneipenkickern.

Zwei Hinweise, damit man sich nicht gleich als Kickerküken enttarnt: Zum einen sollte man vermeiden, die Figuren als „die Männchen da“ zu bezeichnen. Korrekt ist, so der Profisprech, der Ausdruck Puppen. Zum anderen gilt: Niemals, unter keinen Umständen und überhaupt zu keinem Zeitpunkt die Stangen drehen. Damit kann man unter Kickern in etwa so viel Staat machen wie mit einer Breakdance-Einlage auf einem Ball in Baden-Baden. Stattdessen lieber den „Wrist flick“ lernen – eine Schussbewegung, die aus einer kurzen, harten Drehbewegung der Hand besteht. Damit kann man die Bälle mit bis zu 60 Stundenkilometer ins Tor feuern. Das braucht Übung, am besten die Cracks vom Nebentisch fragen.

Wenn man das gelernt hat und einem die Ohren klingen von Tipps zur richtigen Handhaltung beim „Pinshot nach links“ und den Geheimnissen des Blockens mit der Dreierreihe, macht man auch gerne mal wieder einen auf „bar slacker“: Dann ist es Zeit, gemütlich Platz neben den Erdnüssen zu nehmen und sich ein Bier zu bestellen.

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