Berlin : Sieben fette Jahre (Glosse)

Gerd Nowakowski

Über sieben Hügel muss zwar niemand gehen, aber nach dem Besuch von 40 Ausstellungsräumen werden den meisten Besuchern des Martin-Gropius-Baus doch die Füße brennen. Vielen Betrachtern wird der irritierende Titel der gigantischen Ausstellung auch nach der Besichtigung ein Buch mit sieben Siegeln sein; das freut die Ausstellungsmacher - sagen diese jedenfalls. Selbst der Regierende Bürgermeister Eberhard Diepgen grübelte nach der Begrüßung durch die süßen Roboterhunde und den Robo-Androiden bei seiner Eröffnungsrede über die magische Zahl und suchte sprachbildnerisch zwischen den 7 Zwergen, 7 Schwaben und 7 Samurai seinen Weg durchs Manuskript. An das Fähnlein der sieben Aufrechten erinnerte er nicht. Immerhin hat die Landesregierung neben dem Chef noch acht Senatoren. Ob bei der Ausstellung die sieben Tugenden der öffentlichen Finanzierung beachtet wurden, darüber ließ sich der Regierende Bürgermeister lieber nicht aus. Sonst könnte das doch eine Debatte darüber auslösen, ob wir in Berlin nun die sieben fetten oder mageren Jahre haben. Mit den 29 Millionen Mark für die Ausstellung könnte ein ganzes Theaterhaus ein Jahr lang bespielt werden, merkte der SPD-Fraktionsvorsitzende Klaus Wowereit spitz an. Aber wir haben es ja, zumindest bewilligte es vor Jahren die Lottostiftung. Die übernimmt immer häufiger den Part eines - unkontrollierten - öffentlichen Nebenhaushalts. Nun ist das hiesige Urstromtal nicht von sieben Hügel umgeben wie Rom, doch manchmal benimmt sich die Hauptstadt so, als läge hier der neue Mittelpunkt der Welt. Vielleicht lehrt die Ausstellung etwas Bescheidenheit. Das wär auch was.Aus der Tagesspiegel-Serie "Von Tag zu Tag"

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben