Berlin : Sieben Jahre Haft für Tortellini-Mord

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Von Kerstin Gehrke

Patrick wirkte vor Gericht oft emotionslos. Doch als er das Urteil hörte, brach er weinend zusammen. Der 17-Jährige wurde gestern im Prozess um den so genannten Tortellini-Mord zu einer Jugendstrafe von sieben Jahren verurteilt. Die Richter sprachen ihn des Mordes und des schweren Raubes schuldig. Der Überfall auf einen wehrlosen Frührentner habe eine „fürchterliche Wendung“ genommen, hieß es im Urteil. Patrick sei außer Kontrolle geraten. „Es war ein Exzess über die Raubtat hinaus“, sagte Richter Kai Dieckmann.

Neben Patrick saßen fünf weitere Jugendliche – darunter zwei Frauen – auf der Anklagebank. Während der Rentner im Sterben lag, aßen sie die Tortellini aus seinem Kühlschrank. Die vier jungen Männer hatten nach Überzeugung der Jugendstrafkammer den Überfall auf ihren 58-jährigen Nachbarn gemeinsam geplant, die Frauen wussten davon. Der 18-jährige Bernd wurde zu dreieinhalb Jahren Haft wegen Raubes und Körperverletzung verurteilt, der 21-jährige Lars zu 21 Monaten Haft. Eine 18-monatige Bewährungsstrafe wegen Beihilfe erging gegen einen 20-Jährigen. Die jungen Frauen wurden verurteilt, weil sie die Straftat nicht angezeigt hatten – zu sechs Monaten Haft auf Bewährung die eine, zu zehn Stunden Freizeitarbeit die andere.

Der Rentner Wilfried H. war der einzige Nachbar der Angeklagten in einem Hinterhaus in der Helmholtzstraße in Charlottenburg. Die Jugendlichen lebten in den Tag hinein, tranken, rauchten Haschisch, hockten vor dem Fernseher. Keiner von ihnen hatte einen Job oder ging zur Schule. Am 20. Januar, einem Sonntag, hatten sie Hunger, aber wieder einmal kein Geld. Einer von ihnen sagte: „Das ist ein guter Moment runterzugehen und dem Alten eins in die Fresse zu geben.“ Sie wussten, dass Wilfried H. pflegebedürftig war, sie wussten von der Angst, die er vor ihnen hatte. Hin und wieder hatte er Zigaretten auf ihre Türschwelle gelegt.

Patrick und Bernd traten die Tür des Rentners ein. Beide schlugen sofort mit Fäusten auf den völlig wehrlosen Mann ein. Dann durchsuchte Bernd die Wohnung, Patrick aber ließ nicht ab von dem Opfer. Er schlug mit einer Thermoskanne zu, dann mit einem Einkaufs-Handwagen. Es sei bei ihm ein „Motivwechsel“ eingetreten, hieß es im Urteil. Patrick sei es nun nicht mehr um Geld gegangen, sondern darum, „seine Wut, seinen Zorn abzureagieren“.

Der 17-Jährige wurde in seiner Kindheit oft geschlagen. Die vorgelebte Gewalt habe sich wie ein roter Faden durch Patricks Leben gezogen. Die Richter gingen in seinem Fall von verminderter Schuldfähigkeit aus. „Es ist nicht so gewesen, dass da eine Horde von Räubern hauste und erbarmungslos zugeschlagen hat“, sagte der Richter. Der ursprüngliche Plan sei gewesen, das Opfer besinnungslos zu schlagen. Bernd hatte schließlich den Notarzt gerufen. Anders als die Anklage befand das Gericht, dass er nicht des Mordes schuldig sei. Bernd atmete erleichtert auf und tröstete Patrick.

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