Berlin : Sieben-Meilen-Stiefel

Fabian Lau holt die Weltmeisterschaft im Gummistiefelweitwurf nach Berlin. Und das ist nicht lustig

Ariane Bemmer

Nur wegen der Gummistiefel war er in Finnland und in Estland, hat Menschen mit vokalgewaltigen Namen kennen gelernt, nur ihretwegen ist er quer durch Deutschland gereist. Denn Fabian Lau ist Vizeweltmeister im Gummistiefelweitwurf – in der Altersklasse bis 20. Außerdem hat Lau vor zwei Jahren mit ein paar Freunden den Berliner Gummistiefelwurfverein 7-Meilenstiefel gegründet. Sie hatten vom Gummistiefelweitwerfen bei Radio Fritz gehört, dem Sender gehört der erste deutsche Verein (Gib Gummi). Lau ist Vereinsvorsitzender bei den 7-Meilenstiefeln und seit Dezember 2005 auch Präsident des von den sieben kleinen Vereinen gegründeten Gummistiefelweitwurf-Bundesverbands.

Man könnte nun denken: So ein Gummistiefelweitwurfverein ist sicher eine lustige Sache. Aber damit läge man falsch. Ein Verein ist eine ernste Angelegenheit, auch wenn am Ende nur Schuhe durch die Luft fliegen sollen.

Fabian Lau, 18 Jahre alt und mit seinen blauen Augen und weißen Zähnen unerhört gut aussehend, sitzt in der elterlichen Wohnung im Osten Berlins, wo Marzahn fast schon Ahrensfelde ist, auf dem zart gemusterten Sofa. Nichts deutet hier auf die außergewöhnliche Leidenschaft des Sohnes hin. Keine Schneisen im Vitrinenporzellan, die ein fehlgeleiteter Gummistiefel gezogen hätte. Keine Trophäenschau in der Schrankwand, die allerlei Gold zeigen könnte. Lau erzählt mit Grausen von der Vereinsgründung. Immer noch ein Formular, noch ein Nachweis, noch ein Termin beim Notar. Einmal Gebühren, bitte, danke. Vereinsregister, Steuernummer, das Ringen um Anerkennung der Gemeinnützigkeit. „Wenn ich gewusst hätte, was da auf mich zukommt, hätte ich das niemals gemacht“, sagt er. Was auch eine nationale Bedeutung gehabt hätte. Denn Lau hat die Weltmeisterschaft im Gummistiefelweitwurf 2007 nach Berlin geholt. Das Datum steht schon: 14. und15. Juni.

Was die Stadt erwartet, steht unter Punkt 8 der offiziellen Gummistiefelweitwurf-Regeln der IBTA (International Boot Throwing Association): ein Wettstreit von dreiköpfigen Teams. In Vorrunden qualifizieren sich acht Teams für das Finale, das aus drei Runden besteht. Außerdem gibt es die Einzelmeisterschaften, in denen sich die 20 besten Werfer nach drei Durchgängen für ein zweites Finale qualifizieren.

Als Ort für die WM schwebt Lau die Lustgartenwiese am Berliner Dom vor. Was für eine Kulisse für fliegende Gummilatschen. Lau muss sich dringend kümmern. „Gleich nach dem Abiturstress“, sagt er und guckt gequält. Eigentlich gebe es keinen Tag, an dem er nicht an etwas Gummistiefelmäßiges denken muss. Aber er kann sich ja nicht vierteilen. Seinen Eltern war das mit dem Verein ohnehin nicht recht. Die Schule, Junge, haben die gesagt, muss aber vorgehen!

Er geht in sein Zimmer, halb Jungsbude noch mit den Möbeln aus der Kinderzeit, halb studentisch schon mit Postern von nackten Schönheiten, die in Nationalfarben bepinselt Reklame für Fußballteams machen. Lau sagt, seiner Freundin mache es nichts aus, dass die Damen da hängen. Hier ist auch das Regal mit den Pokalen und Auszeichnungen. Unter dem Bett zieht Lau einen Karton hervor. Darin: Gummistiefel in verschiedenen Größen, T-Shirts mit 7-Meilenstiefel- Aufdruck, Buttons. Fanartikel.

Je länger Lau spricht, über den Verein, die Meisterschaften, die Ausfahrten zu den Turnieren, die neuen Freunde, desto weiter entrückt der Wahrnehmung, um was es die ganze Zeit geht. Fliegende Gummistiefel. Das für Frauen 650 bis 850 und für Männer bis 1050 Gramm schwere Schuhteil an der Hacke packen, bei Regen sind auch Spülhandschuhe als Hilfsmittel erlaubt, sich drehen und drehen wie ein Diskuswerfer und im richtigen Moment loslassen, damit das Teil abhebt, lostrudelt. So ein Gummistiefel ist sperrig und wenig aerodynamisch. Der fliegt nicht gut. Aber wenn er sich im richtigen Winkel dreht, bleibt er eben länger oben. Trotzdem geht es beim Gummistiefelweitwerfen mehr um Muskelkraft als um Technik. Der Schuh, der Fabian Lau bei der Weltmeisterschaft 2005 in Finnland den Titel des U-20-Vizeweltmeisters einbrachte, flog 42,25 Meter weit. So weit werfen andere keinen Tennisball.

Lau hat dafür trainiert, wenn auch nicht oft, einmal im Monat, im Winter gar nicht. Ab morgen wieder, dann wird die Saison mit einem Fest eröffnet. Aber es gibt Tricks. Bei Windstille wirft ein Rechtshänder besser mit dem linken Schuh, bei Gegenwind mit dem rechten. Lau nimmt einen Schuh aus dem Karton und zeigt in Zeitlupe, wie der fliegen würde, wo Winde angreifen und Schatten entsteht. Das sei zum Beispiel auch ein Unterschied zum Handy-Weitwurf, auch so eine seltsame Disziplin, die sich Finnen ausgedacht haben. Ein Handy ist ein kleines, leichtes, kompaktes Dings. Ein eckiger Ball. Lau lacht verächtlich. „Wo ist denn da der Anspruch?“

Gegen das Amüsement, das sein Sport auslöst, ist Fabian Lau inzwischen gefeit. Ja, ja, dieses Grinsen, dieses Augenbrauenhochziehen, das kennt er wohl, das kratzt ihn nicht. Gummistiefelweitwurf sei im Übrigen als Sportart anerkannt, deshalb förderungswürdig im Sinne der Gemeinnützigkeit. Nach einigem Hin und Her hätten auch die Behörden das akzeptiert. Und so dürfen Lau und seine rund 20 Mitstreiter öffentliche Sportplätze zu Übungszwecken nutzen.

Aber Vereinschef sein, heißt ja nicht nur, im eigenen Verein tun, was man mag. Das heißt auch: Beiträge erheben und deren Eingang kontrollieren, Trainingszeiten koordinieren, Plätze organisieren, Rundmails schreiben oder Sponsoren suchen für Feste, Reisen, Turniere. Das heißt Papierkram und Termine. Warum tut man sich das an? Da muss Lau nicht lange überlegen. Er will mal Eventmanager oder Veranstaltungskaufmann werden. Da ist der eigene Verein, die selbst organisierte Weltmeisterschaft etwas, das man vorzeigen kann. „Damit kann ich mich bewerben“, sagt er.

Und wenn er fürs Erste bloß die Lacher der Firmenchefs hat, wäre das in dem Fall auch mal recht.

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