• Siebenjähriger Norbert nach zwei Tagen wohlbehalten zurück Ein 17-jähriger hatte den Jungen bei sich übernachten lassen. Polizei ermittelt gegen Mutter wegen mangelnder Aufsicht.

Berlin : Siebenjähriger Norbert nach zwei Tagen wohlbehalten zurück Ein 17-jähriger hatte den Jungen bei sich übernachten lassen. Polizei ermittelt gegen Mutter wegen mangelnder Aufsicht.

Jörn Hasselmann

Nach zwei Tagen ist der vermisste siebenjährige Norbert Fromm wohlbehalten wieder bei seiner Mutter. Er wurde gestern bei einem 17-Jährigen in einer Einrichtung des „Betreuten Wohnens“ in Prenzlauer Berg von einem Sozialpädagogen entdeckt. Der Betreuer alarmierte die Polizei und ließ das Kind bei seiner Mutter anrufen. Da der Pädagoge dort nicht täglich nach dem Rechten sieht, konnte sich das Kind dort zwei Nächte verstecken. Der Junge war, wie berichtet, am Montagabend nicht wieder nach Hause gekommen – er durfte bis 20.30 Uhr allein in der Stadt unterwegs sein.

Die Kripo wird deshalb gegen die Mutter wegen Vernachlässigung der Aufsichtspflicht ermitteln und Staatsanwaltschaft und Jugendamt einschalten. Die 39-jährige Mutter hatte ihrem einzigen Sohn schon seit längerem erlaubt, alleine in die Kaufhäuser am Alexanderplatz zu fahren, um dort mit Computern zu spielen. Dazu hatte sie ihrem Kind sogar eine schriftliche Erlaubnis mitgegeben – denn die Verkäufer hatten sich gewundert, dass ein so kleines Kind dort spielen darf. Vor einiger Zeit, als Mutter und Kind einmal gemeinsam in der Computerabteilung spielten, hatten die Verkäufer die Mutter um eine Erlaubnis gebeten – um sich abzusichern, wenn Norbert wieder mal allein bis zum Ladenschluss um 20 Uhr an den Sony- oder Nintendo-Konsolen daddelte. Mutter und Sohn gingen in den Computerabteilungen ein und aus, nach Informationen des Tagesspiegels kannten die Verkäufer die Mutter sogar beim Vornamen.

Als die Ermittler am Dienstag nach Norbert fragten, konnten sie im Kaufhof auch präzise die Frage beantworten, wann der Junge gegangen war: um 19.15 Uhr. Dieter Zeih, 2. Geschäftsführer des Kaufhofs am Alex, sagte dem Tagesspiegel, dass man den Kaufhäusern keinen Vorwurf machen könne. „Viele Eltern kaufen ein und sind froh, ihre Kinder dort allein lassen zu können. Zeih betonte, dass die Spielekonsolen erst um 14 Uhr angeschaltet werden, um keine Schulschwänzer anzulocken.

Als der Junge die zweite Nacht verschwunden blieb, hatte gestern Vormittag eine Mordkommission den Fall von der Vermisstenstelle übernommen – denn bei einem Siebenjährigen mussten die Ermittler von einem Verbrechen ausgehen. Eine 30-köpfige SoKo „Fromm“ wurde gebildet, eine Hundertschaft der Polizei durchkämmte gestern Mittag die Grünanlagen des Hansaviertels. Als weiteres Indiz für ein Verbrechen galt morgens auch, dass zwei Zeugen den Jungen zusammen mit einem Jugendlichen oder jungen Mann sahen: um 21.30 Uhr an einer Telefonzelle vor dem Haus der Eltern an der Bartningallee im Hansaviertel und dann gegen 21.15 Uhr in der S-Bahn zwischen Bellevue und Alexanderplatz.

Der Jugendliche ist der Polizei seit vielen Jahren als renitenter Ausreißer und wegen kleinerer Delikte bekannt. Der 17-Jährige soll schon öfters Kinder angesprochen und ihnen einen Schlafplatz vesprochen haben. Norbert kannte den Jugendlichen seit einigen Monaten.

Die Kommentare der Beamten über das Verhalten der Mutter schwankten gestern zwischen „haarsträubend“ und „offensichtlich überfordert“. Bekannt ist, dass die 39-Jährige, die vor einigen Jahren aus Russland nach Berlin übersiedelte, ihren bettlägerigen Mann pflegen muss.

„Das ist nicht normal, dass ein Siebenjähriger um 20 Uhr durch die Stadt gondeln darf“, sagte ein Ermittler. Wenn Kinder abhauen, habe das immer einen Grund, sagte Klaus Hornschuch von der Vermisstenstelle der Polizei. Normalerweise hauen 12- bis 13-Jährige von zu Hause ab – und nicht Siebenjährige. Im vergangenen Jahr rissen 643 Jungen und 637 Mädchen unter 14 Jahren aus – fast alle kehrten bald wieder zurück oder wurden aufgegriffen. Norbert ist zum ersten Mal weggelaufen. Er sagte der Mordkommission, ihm sei nicht bewusst gewesen, dass seine Mutter sich Sorgen gemacht habe. Er sei freiwillig bei dem 17-Jährigen gewesen. Gestern Nachmittag konnte die Mutter ihren Sohn im Haus der Mordkommission an der Keithstraße in die Arme schließen.

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