Berlin : Siegfried Pieper (Geb. 1933)

„Wo kommen Sie denn her?“ „Aus Neukölln!“

Stephan Reisner

Wann kommt denn der Pieper wieder?“, fragten die Kinder aus Bärnau. In seinem bayrischen Feriendomizil war der kleine Klempner-Rohrverleger aus Moabit beliebt. „Seht her! Ein Mann wie ein Bär!“, sagte er, hob die Arme und spannte seine Muskeln. Ein Grizzly war er nicht, eher ein Tanzbär. Mit den Kindern auf den Füßen tanzte er durch den Garten. Die Erwachsenen nahm er gern mal auf die Schippe.

Kommen und gehen, wie es ihm gefiel, das war ein Leben nach seinem Geschmack. Wozu sich förmlich anmelden? In Bärnau war er jederzeit willkommen. Dort hielt sich auch niemand für was Besseres, nur weil er Abitur besaß. Zum Andenken pflanzte er eine Tanne. Oben war sie etwas krumm, aber untenrum perfekt. Ein bisschen so wie er.

Als Kind hatte er es nicht leicht. Die Mutter starb, da war er sechs. Den Vater befahl man in den Krieg. Ihn schickte man auf Odyssee von einer Tante zur nächsten. Mal schlief er auf einem Billardtisch, mal unter einem Festtagstisch, Hauptsache, es waren Menschen um ihn. Laut und wie die Wasserfälle haben sie gesprochen. Und meist quer durcheinander. Das hat er sich abgelauscht: Kess, schnodderig und aus der Lamäng, eine echte Berliner Schnauze. Versteht sich von selbst, dass er Fremdwörter so aussprach, wie er es für richtig hielt.

Die Stiefmutter, die der Vater nach dem Krieg heiratete, legte Wert auf Ordentlichkeit und Benehmen. Auch da hat er sich so gut wie möglich angepasst. Zu seinen Stiefgeschwistern war er fürsorglich. Und weil er nicht nur altersmäßig herausfiel, gab er sich mit einer Schlafnische im Korridor zufrieden. Es waren bescheidene Verhältnisse, gestört hat es ihn nicht. Hauptsache, er fand eine Arbeit.

Kaum ausgelernt und erwachsen, lernte er Lilly kennen, eine Wäscherin aus Neukölln, acht Jahre älter und vierfache Mutter. Wie das für ihn war, mit 24 eine ganze Familie zu heiraten? Das hat ihm überhaupt nichts ausgemacht, heißt es. Tagsüber schleppte er zentnerweise Gusseisenelemente in die Etagen, abends machte er an der Lohmühlenbrücke einen Abstecher in den Osten, um dem Jüngsten Bockwurst und Buletten zu besorgen. Die aus dem Osten schmeckten am besten. Einmal wollten die Kinder ins Kino: „Und in welchen Film?“ – „Keine Ahnung.“ – „Na wie wär’s denn mit ,Der Wind klappert mit der Toilettentür?’“ Und jeden Sonntag ging es mit der Familie auf die Straße zum Radrennen.

Eines frühen Sommermorgens bestiegen er und Lilly das grüne Familienmoped. Erst fuhren sie raus aus der Stadt, dann über holperige Landstraßen quer durch die DDR, vorbei an Nauen und Kyritz an der Knatter, bis sie durchgeschüttelt und steif gefroren auf ein paar verdutzte Grenzer stießen: „Wo kommen Sie denn her?“ – „Aus Neukölln!“ – „Und wo wollen Sie hin?“ – „Nach Hamburg, das kennen wir noch nicht!“ In Hamburg blieb das Moped in der Hotelgarage stehen, an Sitzen war nicht mehr zu denken. Für Lillys geschundenes Hinterteil kauften sie vor der Rückfahrt ein großes Kissen.

Es kam auch vor, dass er die Nerven der anderen strapazierte. Am Geburtstag seiner erwachsenen Stieftochter setzte er sich frohlockend an den gedeckten Kaffeetisch, um statt des Kuchens erst mal eine Portion Fisch in Tomatensauce zu verdrücken. Viele Jahre davor hatte er dieser Stieftochter ins Poesiealbum geschrieben: „Ich wünsch dir alles Gute, du bist ’ne alte Pute!“

Aber wenn es drauf ankam, war auf ihn Verlass. Jeden Freitag legte er selbstverständlich die Lohntüte auf den Küchentisch. Und den Kindern zahlte er all die Jahre Taschengeld. Sich selbst gönnte er selten was, er brauchte eh nicht viel: morgens eine Zeitung, an den Wochenenden Sport im Fernsehen.

Nur eines konnte er nur schwer ertragen: allein zu sein. „Wenn Lilly vor mir geht, zieh ich direkt ins Altenheim“, sagte er. So weit hat sie es nicht kommen lassen. „Das hätte er ja niemals ausgehalten in so einem streng geführten Heim!“ Stephan Reisner

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