Berlin : Sieglinde Risch und die deutsche Wurst

Viele finden die Fressmeile zum Nationalfeiertag einfach nur peinlich – aber Zehntausende strömen hin. Grund genug, die Perspektive zu wechseln: Partybesuch mit einer Neu-Berlinerin aus Costa Rica.

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Zur Feier seiner Wiedervereinigung kommt Deutschland so zahlreich, dass die Polizei es nur mit Absperrgittern zu bändigen vermag: Gegen drei Uhr werden sie am Donnerstag Nachmittag auf dem Pariser Platz aufgestellt, weil die Massen in Richtung Brandenburger Tor drängen. Auf dessen Westseite steht eine Karaokebühne mit Blick zur Siegessäule – und auf etwa 100 Fressstände, die das von einem Riesenrad gekrönte Rahmenprogramm bilden. Seit Jahren wird diskutiert, ob diese Art Feier dem Anlass gerecht wird. Unwürdig finden’s die einen – und offensichtlich attraktiv die anderen, die zu Zehntausenden hinströmen. Warum also die Suche nach der Wahrheit nicht einer Expertin überlassen: Zum Beispiel Sieglinde Risch, die deutlich ausländischer ist als ihr Name und – nach Stationen in Mexiko-Stadt und Paris – erst Ende August aus ihrer Heimat Costa Rica nach Berlin zog, um hier zu leben. Deutsch an ihr sind bisher nur ihr vor Jahrzehnten nach Mittelamerika ausgewanderte Vater und ihr Pass.

„Toll, dass so viele Deutsche hier sind, um die Einheit zu feiern“, sagt die 26-Jährige inmitten der Menschentraube, die zur Taschenkontrolle am Eingang drängt. In Costa Rica werde der Nationalfeiertag mit einer Parade Flaggen tragender Kinder und Jugendlicher bestritten. Zu der strömten die Leute zwar ebenfalls massenhaft, aber eher aus Pflichtgefühl denn aus persönlichem Vergnügen. Dass ein Großteil der Besucher Touristen aus anderen Bundesländern sind, ficht sie nicht an: „Schön, dass die am langen Wochenende ihre Hauptstadt besuchen.“

Selbst für das Gedränge direkt vor der Bühne hat die Neu-Berlinerin ein Lob übrig: „Anderswo hätte man längst einen Ellenbogen in den Rippen. Da wären die Leute nicht so entspannt.“ Als dann noch einer „Pardon!“, sagt, der sie angerempelt hat, ist sie ganz verzückt: „Die Leute sind so rücksichtsvoll hier!“ 

Tatsächlich tun sich in der Menge spontan Lücken für Kinderwagen und Rollstuhlfahrer auf. Vor allem Familien sind unterwegs. Sieglinde Risch kämpft sich zum Currywurststand vor. Zum Innersten also, das Berlin kulinarisch zusammenhält. Heikles Terrain. „In Frankfurt habe ich mal eine gute Currywurst gegessen und in Berlin eine weniger gute. Die war total dünn und mit wenig Soße.“ Die heutige aber bekommt Bestnoten, auch ohne Darm. Dick, würzig, nicht fettig, und genau die richtige Mischung aus Tomatensoße und Curry. Jetzt ein Bier? „Ich bin nicht so der Biertyp“, sagt sie. Also gut: Berliner Weiße, rot, fertig aus der Flasche. „Großartig, total erfrischend!“

Auf der Bühne hat die Show begonnen, zwei Moderatoren überschlagen sich vor guter Laune. Sieglinde Risch kann zwar kein Deutsch, hört aber das Wort „Mauerpark“ aus der Karaoke-Ankündigung heraus und bekommt leuchtende Augen. Dort war sie gleich nach ihrer Ankunft – und wusste, dass Berlin genau richtig für sie ist. Auf dem Weg Richtung Goldelse verteilt sie Komplimente für die noch kaum vermüllte Festmeile und die Seifenspender vor den Dixi-Toiletten. Und für den Tiergarten: „Mensch, wir gucken hier aufs deutsche Nationaldenkmal und stehen im Wald.“ Seit ihrer Zeit in Mexiko-City wisse sie, dass grüne Städte die besseren sind.

Sieglinde Risch hat Betriebswirtschaft studiert und spricht drei Sprachen. Dass die Einheimischen die Karaoke auf der Bühne beobachten wie Kritiker, findet sie in Ordnung: „In manchen Ländern wird halt getanzt und in anderen nicht.“

Unheimlich werden ihr die Deutschen nur, wenn sie ihr den unerwartet deutschen Namen nicht glauben oder über Armut klagen: Costa Rica sei für mittelamerikanische Verhältnisse ziemlich wohlhabend. „Aber Armut heißt dort, nicht zu wissen, was man am nächsten Tag essen wird.“ Am sowjetischen Ehrenmal betrachtet sie die Panzer und sagt: „Wie sich Deutschland nach dem Krieg praktisch von Null berappelt hat, das ist schon einmalig. Das muss auch an den Leuten liegen.“ Warum soll man denen also vorhalten, dass ihnen Wurst und Karaoke zum Vergnügen reichen?

Wenn Sieglinde Risch in ihrer neuen Heimat etwas verändern würde, dann nur die Begrüßung: „Kein Kuss, keine Umarmung – das fehlt mir wirklich.“

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