Berlin : Sigmund Hahn (Geb. 1926)

Ein funkelndes Rot im Fenster, ein Blau, das nicht von dieser Welt ist.

Anselm Neft

Die harte Kirchenbank, die langweilige Predigt des Pfarrers, das Nachbeten der todernsten Gemeinde – all das vergisst der kleine Junge, als sich sein Blick im bemalten Glas der Fenster verliert. Das Sonnenlicht bricht durch die Wolken, ein funkelndes Rot flammt im Fenster auf, und ein Blau, das nicht von dieser Welt ist. Der Pfarrer ist Sigmunds Vater, Jahrgang 1877, viele Jahre Missionar in Afrika. Es sind nicht nur die Lebensjahre, die die beiden trennen: Sigmund fabuliert und träumt, dass es dem alten Herrn manchmal unheimlich wird. Der Schule kehrt Sigmund mit 16 den Rücken, wird an der Berliner Kunstakademie aufgenommen und kann seiner Leidenschaft nachgehen: dem Malen. Die Eltern hoffen, dass er Kunstlehrer wird.

Es kommt der Krieg. In Ostpreußen wird Sigmund an Bein und Rücken verwundet. Unter Deck eines Flüchtlingsschiffes die Schreie der Todgeweihten, der Gestank von Eiter, Blut und Desinfektionsmitteln. Sigmund überlebt, sein zwei Jahre älterer Bruder nicht.

In Berlin findet er den Weg zurück zur Malerei. In der Art alter Meister zeichnet er verstümmelte Menschen und Tiere, wieder und wieder, merkwürdig liebevoll, wie um zu begreifen, nicht um zu provozieren. Die Familie entsorgt die meisten dieser Bilder.

Die Not zwingt auch die großen Künstler des Expressionismus trotz ihres Alters zu Lehrtätigkeiten. Für Sigmund ist das ein Glück. Er lernt bei Carl Hofer, den er als abwechselnd freundlichsten und zynischsten Menschen beschreibt, freut sich über die Buletten, die Max Kaus in den Unterricht bringt, bekommt teure Marderpinsel von Max Pechstein geschenkt und zitiert später noch oft dessen Worte in unverfälschtem Sächsisch: „Dor Binsel muss danzen.“

Mit der Zeit verschwinden die Verstümmelten aus Sigmunds Bildwelt, die Farben werden froher, er ist noch jung und seine Augen voller Neugier. Die Zeiten sind karg, der Akademiefasching umso wilder. Das Hazy-Osterwald-Sextett spielt Jazz, Boogie-Woogie, Swing. Sigmund kann beim Tanzen noch nicht mithalten, aber er hat Teile der Wanddekoration entworfen, die Karten besorgt und Silvas Herz erobert. Silva, die Fotografin mit den langen, flachsblonden Haaren. Sigmund, der schwarzhaarige Maler. Liebe auf den ersten Blick – und bis ans Ende seines Lebens. Beide haben oft mehr Zeit als Geld, sie unterstützen einander bei der Arbeit und freuen sich miteinander über Aufträge und Auszeichnungen. 1954 erhält Sigmund den Kunstpreis der Stadt Berlin für Grafik. Seine erste bedeutende Kirche ist St. Matthäus mit fünf Sakristeifenstern. Der Bau steht noch auf ödem Feld.

1960 zieht das Paar in eine Atelierwohnung am Heilmannring. Entworfen von Hans Scharoun, fünfter Stock, großes Nordfenster, Linoleumboden. Dazu ein Schlafzimmer, kleine Küche, Bad. Zu Dutzenden lehnen Sigmunds Ölbilder an den Wänden, afrikanische Statuen erinnern an die Missionsjahre des Vaters, bronzene Engel dienen als Kerzenhalter. Hier entstehen 1000 Ölbilder, 2000 Grafiken, Kleinplastiken und Holzschnitte. Akte, in die Sigmund seine ganze Leidenschaft für die Schönheit der Frauen legt. Hier nimmt Sigmund mit dem Biochemiker Heinrich Warburg Meskalin – ein fürchterliches Erlebnis, das aber sein Hirn noch weiter für die Farbe geöffnet habe.

Sigmund arbeitet für zahlreiche Kirchen: St. Nikolai in Spandau, St. Lukas in Kreuzberg, die Jonakirche in Charlottenburg, die Kirche am Hohenzollernplatz mit ihrem 15 Meter hohen Fenster.

Silva liebt es, mit ihrem Mann in einem Raum zu arbeiten. Manchmal schaut sie ihm zu, gebannt von der konzentrierten Atmosphäre. Sigmund spricht nicht über Religion. Er spricht von der dichten Stille in Kirchen, der Konzentration, die Menschen hilft, innen und außen zusammenzubekommen. Gerade nach dem Krieg, wo alles in Einzelteile zersplittert scheint.

Sigmund gehört nicht zu den Abstrakten. Er bleibt Vertreter der klassischen Moderne. Vielleicht ein Grund, warum er nicht viel bekannter wird und nur sein Freund Goldbeck-Löwe Liebhaberbände mit einigen seiner Werke druckt.

Aufgebahrt wird Sigmund in St. Matthäus, heute inmitten des Kulturforums. Zahlreiche Menschen drängen sich zwischen den Mauern, während Sonnenlicht durch die Gläser der Fenster flutet. Anselm Neft

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