Berlin : Silberstreifen im Gropius-Bau: Leni Hoffmanns Zinnschüttung

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Knallrot ist vor lauter Anstrengung ihr Gesicht. Am linken Daumen trägt sie sogar eine kleine Brandblase davon. Kunst ist manchmal harte Arbeit. Aber Leni Hoffmann ist zufrieden mit ihrem Werk. Sie blickt auf die riesige funkelnde Lache aus zerflossenem Zinn, die sich über die Treppe im Eingangsbereich des Martin-Gropius-Baus erstreckt.

Mit einem riesigen Bunsenbrenner hat die Künstlerin 130 Kilogramm Zinn Stück für Stück in einem kleinen gusseisernen Kübel erhitzt und dann etappenweise über die Stufen geschüttet. Um sich nicht zu verbrennen, trug sie einen silbernen Schutzanzug und große Handschuhe, und sah damit aus wie eine Mischung aus Astronautin und Stahlkocherin. „OCR“ heißt die Installation. Für die in Bad Pyrmont geborene Künstlerin ist es wie ein Märchen. „Das Ausschütten eines Eimers auf der Treppe hat etwas von Aschenputtel“, sagt die 44-Jährige. Aber ihr geht es nicht um romantische Verklärung, sondern um das künstlerische Spiel mit der Umgebung. „Bei diesem Projekt wird die Architektur, die sonst nur Hülle ist, selbst zum Bildformat, zum Malmaterial“, sagt Hoffmann.

Die Düsseldorfer Malerin und Installationskünstlerin liebt diese kunstvollen Eingriffe in der natürlichen Umgebung. So hat sie vor wenigen Wochen auch den Tagesspiegel zu einem Kunstobjekt gemacht. Sie träufelte im Druckprozess die Farben Cyan, Magenta, Gelb und Schwarz auf die Zeitung. Dadurch entstand ein endlos langer Streifen bunter Linien – und jede einzelne Zeitung wurde an diesem Tag zu einem Unikat. „Pizzicato“ hieß dieses Projekt.

Der Zufall spielt bei ihren Arbeiten eine große Rolle. Zwar ist alles akribisch vorbereitet und es wird konzentriert gearbeitet, was aber am Ende rauskommt, liegt nicht in ihrer Hand. Weder wie der Zinn über die Treppe läuft, noch wie die Farblinien in der Zeitung aussehen.

Für ihre Arbeiten erhielt sie den Gabriele-Münter-Preis, eine renommierte Auszeichnung für über 40-jährige Künstlerinnen. Die Zinntreppe und weitere Werke von Leni Hoffmann und 39 anderen Künstlerinnen, die sich um den mit 20 000 Euro dotierten Preis beworben haben, sind noch bis 9. April (täglich von 10 bis 20 Uhr außer Dienstag ) im Gropius-Bau zu sehen. ctr

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