Silvester in Berlin : Ruiniert mir nicht das Feuerwerk!

Jedes Jahr das Gleiche: Das Geböller geht viel zu früh los, es übertönt den Mitternachts-Countdown, das Jahr beginnt ohne klaren Auftakt. Liebe Knallköpfe, könnt ihr nicht pünktlich um zwölf loslärmen?

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Ooooooh! Aaaaaaah! Aber bitte erst um Zwölf, ok?
Ooooooh! Aaaaaaah! Aber bitte erst um Zwölf, ok?Foto: dpa

Die Menschen können nicht mehr abwarten. Geduld war früher. Mitternacht? Interessiert keinen, das zeitgemäße Motto zu Silvester lautet: Ich böllere, wann es mir passt, ich schieße meine bunten Raketen in den Himmel, wenn mir danach ist. Schließlich wird es bereits am späten Nachmittag so dunkel, dass jeder Feuerwerkskörper seine Lichtspuren hinterlässt. Und so wird lange vor Mitternacht Spektakel gemacht. Um null Uhr, wenn es eigentlich drauf ankäme, haben viele dann ihr Pulver längst verschossen. Die Haltung dieser Spielverderber: Is mir egal.

Ich finde das unverschämt. Silvester soll bitte wie früher sein. Erst die Spannung beim Runterzählen der Sekunden, dann der Clou: das große Feuerwerk! Schon als Kleinstadtkind durfte ich das erleben: Sofort nach dem "Prost Neujahr" um Mitternacht stapfte der Vater vor die Haustür, wir Geschwister hinterdrein. Er steckte dann den Holzstab der Rakete (es war immer nur eine!) in eine Flasche und zündete das gefährlich anmutende Ding an. Dumm, wenn es neblig oder regnerisch war, dann klappte es nicht. Aber normalerweise zischte die Rakete los und malte ein paar bunte Punkte in den Himmel, das Material damals war ja noch recht schlicht. Wir aber waren hell entzückt und riefen: "Oooooooh!" Danach durfte mein Bruder einen Knallfrosch werfen – und endlich kam mein Favorit: der Goldregen. Konnten auch Kinder gefahrlos halten.

Alles geschah gleichzeitig, wie es sich zu Silvester gehört

Rechts und links in der Nachbarschaft vollzog sich Ähnliches. Dass manche Väter auch zwei oder drei Raketen zündeten, nun ja. "Die geben ja mal wieder an", sagte meine Mutter dann streng. Das Schönste in meiner Erinnerung: Alles geschah zeitgleich. Wie es sich zu Silvester eben gehört.

Viele Jahre später, in Berlin, machte die Losung "Brot statt Böller" die Runde. War im Prinzip in Ordnung. Aber warum so rigoros? Reichte nicht auch die modifizierte Form: "Brot und weniger Böller"? Die Leute hielten sich eh kaum dran. Und ließen, was schlimmer war, zunehmend die Regeln der Pünktlichkeit vermissen. Ich erinnere mich an einen Jahreswechsel auf einer Kreuzberger Dachterrasse, wo das bunte Spektakel über der Stadt nach Mitternacht schnell schwächelte. Kein Wunder – es hatte ja schon lange vor dem magischen Moment begonnen.

Ich versuchte mein Glück auf Usedom. Mehrere Jahre lang war die Ahlbecker Seebrücke mein Lieblingsort zu Silvester. Dort konnte man sich, kaum hatten sich die Anwesenden um Mitternacht zugeprostet, auf ein herrliches Lichtspektakel freuen, genau genommen: auf zwei funkensprühende Ereignisse. Gen Westen, in Heringsdorf, tanzten goldene und silberne Sterne am Himmel, gelbe und grüne Schlangen züngelten miteinander um die Wette, und lilafarbene Kreise kreisten. Wunderschön. Gen Osten, in Swinemünde, schwelgten sie in Rot, von satten Himbeertönen über solides Weinrot bis hin zu schrillem Pink. Grandios. Das Allerbeste war: Deutsche und Polen begrüßten das neue Jahr zeitgleich. Nirgendwo schien Europa so vereint wie auf der Ahlbecker Seebrücke.

Die Alternative: Silvester einfach vergessen

Vorbei. Ich fahre nicht mehr nach Usedom. Auch dort lungern nun lange vor Mitternacht Menschen an den Stränden herum, um ihre Billigraketen in den Himmel zu schießen und zu böllern, wo es noch nichts zu böllern gibt.

Eine Alternative: Silvester einfach vergessen. Dorthin fahren, wo Feuerwerk verboten ist. Nach Tübingen zum Beispiel, nach Venedig oder Quedlinburg. Oder auf die Nordseeinseln. Reetdächer könnten dort in Brand geraten. Wie in Wyk auf Föhr. Dort verkleiden sich Einheimische am Silvestertag als Schornsteinfeger und tupfen Passanten schwarze Punkte ins Gesicht. Das soll Glück bringen. Okay, aber dafür starrt man um null Uhr auf Föhr in einen gruselschwarzen Himmel.

Ich habe noch etwas anderes probiert. Bin zu Hause geblieben und habe um Mitternacht eine Wunderkerze geschwenkt. Hat hübsch gefunkelt, aber ein tolles Feuerwerk war es nicht. Silvester – perdu.

Den kommenden Jahreswechsel verlege ich in den Sommer. Dann steigt in Berlins Südwesten ein tolles Feuerwerk: "Wannsee in Flammen". Startet immer pünktlich.

Dieser Text erschien am 31. Dezember 2016 als Rant in unserer gedruckten Samstagsbeilage Mehr Berlin.

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