Berlin : Simone Grafe (Geb. 1953)

Die Lehrer essen Pizza in den Klassenzimmern

Rebecca Menzel

Da gibt es die Anekdote mit der Mücke auf Simones Arm. Sie lässt sie trinken von ihrem Blut, entspannt schaut sie zu und lässt sie fliegen. Wer sie kannte, dem leuchtet sofort ein, dass das typisch für sie war. Eine sehr spezielle, leicht skurrile Form der Nächstenliebe.

In Tempelhof ist sie aufgewachsen, West-Berlin ist ihre Welt. Die, als die Mauer fällt, auf einmal so viel größer wird. Simone genießt die neue Freiheit, sie durchquert die Hinterhöfe der verfallenen Spandauer Vorstadt und sucht nach Spuren einstiger Bewohner. Sie fotografiert alte Türknöpfe. In der Mulackstraße dokumentiert sie jedes Haus, jede Brache und verfolgte den Kampf der Anwohner gegen den Abriss der Altbauten.

Als junge Lehrerin in Neukölln findet sie, dass die steifen Unterrichtsmethoden nicht zum Leben der Kinder passen. Bei einer Montessori-Ausbildung trifft sie Gleichgesinnte. Sie wollen bei den Kindern Neugier wecken, sie mitbestimmen lassen. Auf einer Veranstaltung hören Simone und ihre Freundin Brigitte den Stadtrat sagen, dass Kreuzberg dringend eine neue Schule brauche. An Ort und Stelle tragen sie ihr Konzept vor – und erhalten wenige Wochen später den denkmalgeschützten Ziegelsteinbau des Askanischen Gymnasiums.

Zur ersten Informationsveranstaltung kommen mehr als 100 Interessierte. Der Schulversuch startet mit zwei ersten Klassen. Die Lehrerinnen wissen: Das erste Jahr wird unser schönstes! Nach Schulschluss setzen sie sich zusammen und überlegen, was sie am nächsten Tag besser machen können. Entsetzt registrieren die Kontrolleure der Schulaufsicht, dass die Pädagogen in den Klassenzimmern dabei Pizza essen.

Als sie Josef kennenlernt, lebt Simone allein mit ihren zwei kleinen Söhnen. Eine Freundin hat ihr von ihm erzählt, er ist auch Lehrer, spielt in einer Band, sie kann sich den ja mal angucken. Er gefällt ihr, aber da sind die Kinder, die Arbeit und der ganze Rest. In Kreuzberger Kneipen laufen sich die beiden öfter über den Weg – schließlich ruft sie ihn doch an. Und Josef lernt eine Frau kennen, die Bücher liest, während der Fernseher läuft und danach haarklein erzählen kann, was in der TV-Reportage vorkam, und was im Buch stand. Wenn die Kinder schlafen, fahren sie zusammen nach Köpenick, den Mond anschauen.

In ihrem Sabbat-Jahr durchquert Simone Amerika von Alaska bis Panama. Und kehrt zurück mit der Idee, den Geschmack von New Orleans nach Kreuzberg zu bringen. Ihr Café „Zucchero“ am Anhalter Bahnhof wird Treffpunkt für die Mitarbeiter des HAU-Theaters und der SPD-Zentrale. Außerdem trifft sich die Gehörlosen-Szene hier und gestikuliert ausgelassen. Als ein Gast ein Gratin bestellt aber der Käse alle ist, schickt Simone den Koch zum schnellen Einkauf in den Supermarkt. Er kehrt wieder ohne Käse, dafür mit der Polizei. Die Schlange war lang, da wollte er die Sache mit einem Diebstahl abkürzen. Dann stellte sich noch raus, dass bei ihm noch andere Rechnungen offen waren. Simone löst den Verzweifelten aus und stellt das Essen mit einem Lachen auf dem Tisch.

Weil das „Zucchero“ eher Geld kostet als welches einbringt, unterrichtet sie weiter in Teilzeit. Nach der Schule ins Café, mit dem Twingo einkaufen fahren, nach Hause, vorkochen, Unterricht vorbereiten. Die Energie scheint endlos, das Geld ist es nicht. Sie muss das Café verkaufen und wird wieder Vollzeit-Lehrerin. Doch die Schule hat sich verändert, Stellen werden gekürzt, die Eltern engagieren sich kaum noch. Simone sitzt eine Woche zu Hause und heult. Burn-out.

Mit 60 lässt sie sich pensionieren. Als die Krebs-Diagnose kommt, heftet sie den Spruch „Du kannst dem Leben nicht mehr Tage, aber dem Tag mehr Leben geben“ an ihren Kühlschrank. Wieder fährt sie in die Mulackstraße und fotografiert jetzt die renovierten Fassaden, die geschlossenen Baulücken, die geleckten Gehwege. Ein Freund will ihre Bilder in seiner Galerie ausstellen. Simone sucht Texte für die Vernissage aus. Sie findet ohne sie statt.

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