Berlin : Sind Regisseure wie Liebhaber?

Herzlichen Glückwunsch für Ihren Goldene

Beim Film gibt es eine enorme Intimität. Auch wenn es nicht zum Sex kommt. Es geht da um etwas jenseits physischer Beziehungen

Jeanne Moreau wurde bei der Berlinale soeben mit dem Goldenen Bären für ihr Lebenswerk geehrt. Das Gespräch mit der 72-jährigen französischen Film-und Theaterschauspielerin führte Rüdiger Suchsland.

Herzlichen Glückwunsch für Ihren Goldenen Bären, den Sie als Ehrenpreis der diesjährigen Berlinale erhalten haben. Unter den vielen Filmen Ihrer Karriere hatten Sie sich dazu für die Gala-Vorstellung Tony Richardsons "Mademoiselle" aus dem Jahr 1965 gewünscht. Warum?

Es ist ein wundervoller, ein außergewöhnlicher Film.

Bis heute hat er sich den skandalösen Touch seiner Entstehungszeit bewahrt.

Haben Sie die Reaktionen des Berliner Publikums bemerkt? Manche waren richtig schockiert. Die Dorflehrerin, die ich spiele, hat ja eine Art heilige Obsession. Man könnte sie neurotisch nennen. Aber ich halte das für falsch, denn man würde ihr zerstörerisches Handeln damit allzusehr reduzieren.

Seit Beginn Ihrer Karriere haben Sie immer wieder "skandalöse" Charaktere gespielt. Woher haben Sie dazu den Mut genommen?

Seit ich fünf Jahre alt war, wusste ich, dass ich irgendetwas Besonderes tun würde.

Und Sie hatten nie Angst?

Angst vor was?

Vor den Geschichten, den Figuren, den Regisseuren?

Daran habe ich nie gedacht. Ich wusste, wie gesagt, dass ich etwas Besonderes tun würde. Ich habe aber nicht daran gedacht, berühmt zu werden. Ich wollte etwas herausfinden. Mich interessiert die menschliche Wesensart. Die wollte ich untersuchen. Ich wollte wissen, worum es sich bei all dem, was ich um mich herum erlebte und beobachtete, überhaupt handelt. Warum Erwachsene so waren, wie sie waren. All das Gefühlschaos. Und die Missverständnisse und die Schönheit. Ich entdeckte diese Schönheit sehr früh, die brutale Schönheit der Natur. Das Leben der Tiere, der Insekten.

Der Insekten?

Ich will Ihnen das genauer erzählen: Mein Vater und meine Mutter arbeiteten sehr hart. Sie hatten ein Restaurant, es gab kaum Privatleben. Im Winter gab es dort wenig Kunden, nur im Sommer. Dann wurde ich manchmal nach England geschickt, zur Familie meiner Mutter, die ja von dort stammte. Mit meinem englischen Großvater entdeckte ich die See und die Sterne, meine Großmutter brachte mir Kochen bei. In Frankreich gab es dann noch eine wunderschöne, außergewöhnliche Frau, eine Cousine meines Vaters. Der gehörte eine Pension im französischen Zentralmassiv, in einer durch und durch vulkanischen Landschaft. Ich habe das geliebt: oben die Bäume, darunter die schlafenden Vulkane. Wenn man an einem windstillen Augustnachmittag dort liegt, gibt es nichts Schöneres. Und der Freund dieser Cousine war ein Jäger. Mit seinem Hund und mir zog er durch die Wälder und brachte mir bei, essbare von giftigen Pilzen zu unterscheiden. Ich lernte auch, wie man eine Viper und einer harmlose Schlange voneinander unterscheidet.

Gab es noch andere kindliche Erfahrungen, von denen Sie später als Schauspielerin zehren konnten?

Um es kurz zu machen. Mir wurde zu Hause alles verboten: Ausgehen, Musik, Filme, Theater. So begann ich, meine Eltern zu belügen und ein Doppelleben zu führen. Es war während der Zeit der deutschen Okkupation. Da ging ich nach Paris, und sah im Theater "Antigone". Ich sah die weiße, zarte Silhouette im Licht, und an diesem Abend wusste ich, was ich selbst einmal sein würde: Antigone - eine Rebellin, die nach der Wahrheit sucht. Genau das tue ich bis heute.

Haben Sie etwas von dieser Wahrheit gefunden?

Ja, das habe ich. Ich habe irgendwo ein kleines Paket (lacht).

Wo fanden Sie sie denn? In Ihren Filmen oder im Leben?

Natürlich auch in den Filmen. Denn wovon handeln Filme? Sie handeln vom Leben, vom Tod, von der Liebe - immer die gleiche Geschichte. Die Filme und das Leben können voneinander profitieren. Zum Beispiel hat François Truffaut von mir viel über Frauen gelernt, und ich bei ihm viel über Filme.

Über die Männer haben Sie von Truffaut nichts gelernt?

Nichts, was ich nicht bereits gewusst hätte.

Sie meinten einmal, Ihre Regisseure und Ihre Liebhaber möchten Sie nicht miteinander vergleichen. Warum nicht?

Weil es verletzend wäre, das zu tun.

Ist es besser, seine Geheimnisse zu haben?

Oh nein, das ist keine Frage von Geheimnissen. Aber wie können Sie einen Menschen überhaupt mit einem anderen vergleichen? Das ist eine Erniedrigung für den einen wie den anderen. Jede Person ist eine spezielle Erfahrung. Ich hasse es, wenn manche Männer und Frauen - vor allem Frauen, denn Männer reden über so etwas nicht so offen - ihre Liebhaber vergleichen. Oh, ich habe mit dem und dem geschlafen, der ist ja so schlecht. Und der ist auch ein Loser!

Anders gefragt: Sind Regisseure wie Liebhaber? Gibt es da Ähnlichkeiten?

Natürlich. Beim Film gibt es eine enorme Intimität. Auch wenn es nicht zum Sex kommt. Es geht da um etwas jenseits physischer Beziehungen. Physische Beziehungen: das ist wie essen, pinkeln, scheißen. Wenn man aber darüber hinaus geht, kommt es zu einem unglaublichen, ganz besonderen Austausch zwischen zwei Menschen.

Ist Ihre Art zu spielen etwas ganz Natürliches? Oder haben Sie sich Ihre Spielweise mühsam angeeignet und dann kultiviert?

Es ist ein Gottesgeschenk. Ich vergleiche mich gern mit einer Rose im Garten. Das Wasser fließt durch mich hindurch. Natürlich sind Übersicht und Urteilskraft dabei auch wichtig. Aber ich bin keine Intellektuelle. Man hat auf der Bühne keine Zeit, ein Intellektueller zu sein.

Sind Sie das Medium Ihrer Regisseure?

Ich denke, ja.

Fällt es Frauen leichter, sich so zurückzunehmen, als männlichen Darstellern?

Ich bin kein Mann. Aber ich weiß, dass das manchen Kollegen schwer fällt. Die größten unter ihnen haben das jedoch akzeptiert. Nehmen Sie Marcello Mastroianni. Der war ein Medium. Alles, was auf ihn einströmte, gab er weiter und verstärkte es. Man muss sich zurücknehmen. Es gibt einen Punkt, da merkt man das gar nicht mehr. Manchmal ist man fassungslos, wenn man sich später auf der Leinwand sieht: Mein Gott, wo kommt das bloß her? So war Marcello.

Sie haben gesagt, Sie möchten gerne einmal den "King Lear" spielen.

Ja, das wünsche ich mir sehr. Aber vorher vielleicht noch "Richard der Dritte" (lacht).

Sie haben ja schon Männer auf der Bühne dargestellt. Wie war diese Erfahrung?

Zweimal, aber das liegt lange zurück. Mit achtzehn Jahren in einem Stück von Racine, und mit zwanzig noch einmal. Ich habe das sehr genossen. Es wird Zeit, dass ich es wieder tue. Ich habe noch so viel zu lernen.

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