Berlin : Sinfonie der Halbtöne

Berliner Ensemble für klassische türkische Musik spielt mit Chören aus Synagoge und Kirche

Claudia Keller

Man kann sich hineinlegen in diese Musik. Die orientalischen Tonfolgen umspielen einen und ziehen herauf zur Hüfte und zum Herz und wieder zurück zu den Beinen, die sich wiegen in diesen seltsam fremden Achtachtel-Takten und vielen Halbtönen.

Normalerweise kann sich ihr auch Sezen Yurdakul völlig hingeben. Aber heute nicht. Heute ist die Frau mit den kleinen Fältchen im braun gebrannten Gesicht und den dunkelblonden Haaren zu nervös. „Hören Sie, wie mein Herz klopft“, fragt sie und wirft den Kopf zurück und lacht und ist so stolz darauf, dass heute Abend ihr Traum in Erfüllung geht: Das Berliner Ensemble für klassische türkische Musik spielt im Konzertsaal des RBB – zusammen mit dem Chor der Synagoge Pestalozzistraße, dem Kirchenchor der evangelischen Paul-Gerhardt-Gemeinde und dem Gospelchor der Wicherngemeinde.

Es war ihre Idee, Chöre verschiedener Religionen zusammenzubringen, damit sich die unterschiedlichen Traditionen religiöser Musik verweben und dadurch auch die Menschen, die diesen Religionen angehören. Denn seit dem 11. September 2001 versteht Sezen Yurdakul die Welt noch weniger als zuvor. „Warum bringen Leute sich und andere um und verschwenden Leben?“, fragt sie. „Jeder hat doch nur eins, wir werden sowieso alle sterben.“ Da müsse man dieses eine Leben doch nutzen und mit den anderen gut zusammenleben.

Wir sind in einem Hinterhaus in der Kreuzberger Oranienstraße, aus dem Probenraum dringen kräftige, volle Männer- und Frauenstimmen. Dazu die Klänge einer Zither, mehrerer Lauten und Trommeln. Chöre klassischer türkischer Musik gibt es auch in anderen deutschen Großstädten. Aber ihr Ensemble sei das größte, sagt Sezen Yurdakul.

60 Mitglieder kommen regelmäßig zwei Mal in der Woche zu den Proben, beim Konzert am Sonnabend machen 43 mit: Darunter junge Frauen mit blonden Dauerwellen und grauhaarige Männer, die tagsüber in ihren Gemüsegeschäften stehen, als Informatiker arbeiten, als Lehrer und Handwerker. Die meisten von ihnen leben schon lange in Berlin oder sind hier geboren, wie der 30-jährige Murat Azcan. Popmusik mochte er noch nie sonderlich, sie ist ihm zu eintönig. „Die klassische türkische Musik ist viel emotionaler“, sagt er. Er fühle sich darin geborgen, nicht nur weil er sie als Kind immer gehört hat. Klassische Musik heißt in der Türkei nicht Beethoven oder Mozart, sondern osmanisch-persische Hofmusik. Sie bildete sich seit dem 14. Jahrhundert heraus mit vielen kleinstufigen Tonleitern und metrischen Takt-Gruppen und entwickelte sich bis ins 19. Jahrhundert zu immer komplexeren Formen mit immer weitschweifigeren iranischen, irakischen, griechischen Einflüssen. Murat Aczan spielte in dem Ensemble am Anfang die klassische Rohrflöte, heute singt er lieber.

Am Sonnabend will der Chor 17 Gebetslieder singen, aus fast allen islamischen Richtungen ist etwas dabei. Aus Istanbul fliegen sechs weitere Musiker ein – und zwei Derwische. Denn der Derwischorden der Mewlewi hat viel zur Weiterentwicklung der klassisch-türkischen Musikkultur beigetragen. Sonderlich religiös sei im Ensemble niemand, trotzdem seien alle sehr begeistert von der Idee mit dem Dialog der Religionen, sagt Aczan. „Musik ist die Sprache, die uns alle verbindet.“ Man kann es auch so sehen: „Hach, es war wie Meditation“, sagt eine Sängerin nach der Probe, ihre Wangen sind gerötet.

Konzert „Dialog der Religionen“, 4. 12., 19 Uhr, RBB Konzertsaal, Masurenallee 8-14, Eintritt 15 Euro.

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