Berlin : Singen, was die Stimme hergibt

Und jetzt alle: Simon Halsey dirigiert heute über 1500 Sänger in der Philharmonie

Sebastian Leber

Im ersten Jahr kamen 300 Sänger, im zweiten schon doppelt so viele. Dann 1500. Und an diesem Sonntag soll diese Zahl noch einmal übertroffen werden. Simon Halsey hat in Berlin einen Trend etabliert: das massenhafte Chorsingen. Seit fünf Jahren ist er Chefdirigent des RBB-Rundfunkchors. Und weil der 48-Jährige überzeugt ist, dass klassische Musik nur Zukunft hat, wenn sie „sich nicht in Hinterzimmern versteckt“, hat er die Berliner „Mitsingkonzerte“ ins Leben gerufen. Bei denen treten seine 64 Rundfunk-Sänger zusammen mit Laienchören aus aller Welt auf – und mit jedem, der sich dafür eine Karte gekauft hat. Dass diesmal Gruppen aus Frankreich, Italien und den USA dabei sind, überrascht Halsey nicht: „Die meisten Berliner halten ihre Philharmonie für nichts Besonderes. Aber im Ausland hat sie einen anderen Stellenwert, da wird sie als ,heiliger Schrein‘ verehrt.“

Das Mitsingkonzert läuft jedes Jahr nach demselben Prinzip ab: Anders als Gotthilf Fischers „Fischer-Chöre“ setzt Halsey ganz auf klassische Musik. Vormittags übt er mit den Laienchören das jeweilige Stück ein – diesmal „Deutsches Requiem“ von Brahms. Am frühen Nachmittag stoßen Rundfunkchor und Orchester zu den Proben. Und um 16 Uhr geht’s los. Wegen der großen Nachfrage werden für heute nur noch „Zuhörer-Karten“ verkauft. Wer mitsingen will, muss ein Jahr warten oder heimlich mitsummen.

Für Halsey ist das Konzert ein „unheimlich stressiges Ding“ – weil er so viele Menschen unter Kontrolle halten muss. Für den einzelnen Sänger sei das Konzert dagegen eine „entspannte Angelegenheit“: Wer hin und wieder den Ton nicht treffe, ruiniere nicht gleich das ganze Konzert. Wahrscheinlich falle er nicht mal unangenehm auf. „Sonst haben wir acht Tenöre im Ensemble. Heute sind es 400.“

In Großbritannien hat das Massensingen Tradition. Davon konnten sich schon berühmte deutsche Komponisten überzeugen: Georg Friedrich Händel dirigierte im 18. Jahrhundert Chor-Konzerte in der Westminster Abbey mit 400 Sängern. Überhaupt sei Chormusik in Großbritannien populärer, gerade unter jungen Leuten. Warum das hier zu Lande nicht so ist? Die Jugendlichen trifft keine Schuld, sagt Halsey. Schließlich gebe es heute unüberschaubar viele Möglichkeiten, die Freizeit zu verbringen. „Warum sollten sich die jungen Menschen ausgerechnet für Chorsingen interessieren, anstatt ins Kino oder in den Club oder ins Fitness-Center zu gehen?“

Zum Beispiel, weil ein Dirigent „die Sache spannend macht. Dirigenten brauchen Entertainer-Qualitäten, das haben wir in England begriffen.“ Immerhin gebe es auch in Berlin bereits jemanden, der „Menschen für klassische Musik begeistern kann“. Nein, damit meint er nicht sich selbst, sondern einen Namensvetter und guten Freund: Simon Rattle, den Dirigenten der Philharmoniker. „Simon nimmt sich nicht zu ernst, ist ein Showmann in seiner Seele und hat die Gabe, grundsätzlich alles richtig zu machen.“ Die beiden kennen sich aus ihrer Zeit am Birmingham Symphony Orchestra: Halsey leitete dort den Chor, Rattle das Orchester. Auch heute verbringt Halsey noch 80 Tage pro Jahr mit Birminghamer Chören. 100 Tage arbeitet er in Berlin, weitere 60 in Amsterdam beim dortigen Rundfunkorchester. „Gar nicht leicht, das ewige Pendeln. Aber Musikverrückte müssen Opfer bringen.“ Die Unterschiede zwischen den drei Städten beschreibt er folgendermaßen: „Birmingham liebe ich, weil ich dort herkomme. In Amsterdam geht es gemütlich zu.“ Und Berlin? „Das ist die Welthauptstadt der Musik.“ Vielleicht noch nicht im Bereich Chormusik. Aber wenn sein Mitsingkonzert weiter so wächst wie bisher, kann das nicht mehr lange dauern.

Das Konzert beginnt heute um 16 Uhr. Es gibt noch Zuhörer-Karten für 20 Euro.

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