Berlin : Single Bells

In Berlin muss Weihnachten niemand allein bleiben – es gibt viele Angebote

Constance Frey

Heiligabend, und was jetzt? In Berlin ist das eine durchaus berechtigte Frage. Denn seit 2003 sind Single-Haushalte in der Mehrheit: Mit 944 800 sind es mehr als die Hälfte der insgesamt über 1,8 Millionen Berliner Haushalte. Knapp eine Million Singles, die zu Weihnachten oft auch in der Stadt bleiben. Sitzen dann Hunderttausende allein unter dem Weihnachtsbaum? Nein, sagt Albrecht Göschel, Projektleiter im deutschen Institut für Urbanistik in Berlin. „Gerade jüngere Singles sind sozial sehr aktiv und verfügen über ein dichtes Beziehungsnetz. Dieses wird bewusst gepflegt, gerade in Bezug auf Weihnachtsfeste.“

Vor allem viele Clubs und Diskos der Stadt richten ihre Angebote an Alleinstehende. Im Ku’dorf findet Heiligabend eine Singleparty statt, seit sieben Jahren feiert man auch im Sage Club ab 23 Uhr gebührend das Fest der Liebe. „Die Stimmung ist ausgelassen“, sagt Sprecherin Alexandra Zielisch, „weil die Menschen einige freie Tage vor sich haben.“ Von Bedrücktsein kein Spur, der Heiligabend-Tanz hat sich vielmehr zur Tradition etabliert. Die Berlin Tourismus Marketing bietet für diese Zielgruppe ein Übernachtungspaket mit freiem Eintritt in verschiedene Clubs unter dem Motto „Berlin Hip“ an. Wenn sich die Berlin-Vermarkter nicht ausdrücklich an Singles wenden, tut es das Plaza Hotel in der Charlottenburger Knesebeckstraße: Mit „Single Bells“ erhalten Berlin-Gäste außer einem Einzelzimmer einen Stadtrundgang, einen Museums- und Kinobesuch.

Ins Kino scheinen Heiligabend überhaupt immer mehr Menschen zu gehen. Im Kino fsk am Oranienplatz etwa haben die Spätvorstellungen am 24. Dezember schon regelrecht etwas Vertrautes: Das Angebot besteht seit 17 Jahren. „Als wir angefangen haben, war das Kino richtig voll“, sagt Mitbetreiber Christian Suhren. Mittlerweile machen auch andere Spielhäuser in der Heiligen Nacht auf. Der Betrieb ist am Oranienplatz inzwischen „fast wie ein normaler Kinotag.“ Im FT am Friedrichshain findet seit einigen Jahren die „Heilige Preview–Nacht“ statt. Bis zu vier Filme schaffen die Kunden hintereinander, gegen vier Uhr morgens ist hier Schluss. Die Veranstaltung ist jetzt schon ausgebucht, die Wartelisten voll. Und im Kino Alhambra fragen die Kunden gezielt nach Abendvorstellungen, Singles, aber auch Pärchen. „Für die ist Weihnachten nicht so wichtig“, schätzt Teamleiter Stephan Rauchfuss.

Diplompsychologin Nathalie Krahé aus Gießen begrüßt die vielen Initiativen alleinstehender Menschen – und fordert sie auch dazu auf. „Das Weihnachtsfest macht ungewollt Alleinstehenden ihre Situation stärker bewusst. Durch die Abkehr von familienbezogenen Weihnachtsriten gibt es einen Bedarf an neuen Ritualen.“ Was das im Einzelnen ist, Party oder ein schönes Essen, findet sie nicht so wichtig, Hauptsache, jeder findet das individuell Richtige. Allgemein rät die Psychologin, nicht nur in der Weihnachtszeit aufgeschlossen mit seiner Situation umzugehen und mutiger zu sein. „Ein Lächeln kostet nichts, und vielleicht steht der Richtige beim Bäcker in der Schlange.“

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