Berlin : Sinn für die Selbstzensur

Karikaturen vom Propheten sind eine Provokation, meinen muslimische Berliner Politiker. Sie haben Verständnis für den Protest

Werner van Bebber

Der Prophet ist keine Witzfigur, deshalb darf er auch nicht Gegenstand einer Karikatur sein: Darüber sind sich türkischstämmige Berliner Politiker mehrheitlich einig, ganz gleich, welcher Partei sie angehören. Am deutlichsten sagt es der CDU-Ortsverbandsvorsitzende vom Chamissoplatz, Sedat Samuray: „Respektlos“ seien die Karikaturen des Propheten Mohammed, die in dänischen Zeitungen zu sehen waren und zu einer diplomatischen Krise zwischen Dänemark und einigen nahöstlichen Staaten geführt haben. Er habe mit einigen aus der türkischen Gemeinde gesprochen, sagt Samuray – alle seien „gekränkt“. Den Propheten mache man eben nicht lächerlich. Und auch ein Künstler, der Karikaturen zeichnet, müsse doch ein bisschen weiterdenken und sich fragen, wie die Bilder wirken.

Ähnlich argumentiert Özcan Mutlu von den Grünen. Er hat zwar nicht den Eindruck, dass der Karikaturenstreit die Berliner Türken wirklich bewegt, aber er „kann die Aufregung einigermaßen verstehen“. Vor allem wegen des Bilderverbots: Der Prophet Mohammed werde in der islamischen Kultur „nicht mal schemenhaft abgebildet“, erklärt Mutlu. Da könne er „nachvollziehen“, dass strenggläubige Muslime in Dänemark „betroffen“ reagierten, wenn eine Zeitung eine ganze Serie von Karikaturen bringe, von denen einige heftig provozierten.

Und provozieren sollten: Die dänische Zeitung wollte in der Debatte über den Umgang mit der muslimischen Minderheit herausfinden, ob es auf Seiten der Mehrheitsgesellschaft schon so etwas wie Selbstzensur gibt. Sie nahm das Recht auf freie Meinungsäußerung auf Kosten des Respekts gegenüber der Religion einer Minderheit in Anspruch.

Das aber halten die meisten Berliner Politiker türkischer Herkunft nicht für richtig. „Wenn ich selbst Künstler wäre, würde ich bestimmte Dinge respektieren“, sagt Mutlu. Er würde zum Beispiel nicht den Papst als Teufel karikieren. Die SPD-Abgeordnete Dilek Kolat kann verstehen, dass sich Muslime gekränkt fühlen, wenn ihre Religion mit Gewalt in Verbindung gebracht – wie in der Karikatur, in der der Prophet einige Selbstmordattentäter zu bremsen versucht, in dem er sagt: „Wir haben keine Jungfrauen mehr.“ Viel wichtiger wäre es, meint Dilek Kolat, immer wieder auf den Unterschied zwischen Islam und Islamismus hinzuweisen. Und Timur Hussein, Chef der Jungen Union in Kreuzberg, sagt, die Meinungsfreiheit sei ein hohes Gut – der Glaube aber auch. Gewiss, entscheidend sei die dänische Verfassung. Doch könne etwas legal sein und trotzdem nicht richtig.

Falsch findet Timur Hussein allerdings die heftigen Reaktionen vieler Muslime in Dänemark und mancher Staaten im Nahen Osten. Boykott-Drohungen gegen Dänemark, das Einbestellen von Botschaftern – die Zeitung habe sich doch entschuldigt, sagt Hussein, „damit hat sich die Sache meiner Meinung nach“.

Sein CDU-Parteifreund Sedat Samuray sieht das etwas anders. Es habe in Dänemark Proteste gegen die Zeitungskampagne gegeben, die hätten nichts bewirkt. Erst danach hätten die Muslime mit Sanktionen gedroht. Entscheidend in dem ganzen Streit ist für Sedat Samuray der „Respekt“. Auf den Respekt voreinander komme es an, wenn man gut zusammen leben wolle. Dass aber ebenso der Respekt vor den Grundrechten die Grundlage des Zusammenlebens ist, dass keine Religion dem Staat hineinzureden hat, sehen viele Muslime nicht so. Daran erinnert der einzige Außenseiter in der Berliner Diskussion über die dänischen Karikaturen, der PDS-Abgeordnete Giyasettin Sayan: Es seien doch die Fundamentalisten, die sich aufregten, sagt er. Für ihn ist es statthaft, den Propheten zu malen und zu karikieren. „Man muss solche Tabus brechen“, sagt er. Das eben erlaube die Freiheit, die das Grundgesetz garantiert. Und „ohne Freiheit kann man nicht kreativ sein“.

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