Berlin : Sinnbild aller Mauerdramen

Flucht in letzter Sekunde, Fenstersprünge, Geheimtunnel: die Bernauer Straße – bedrückendes Zeugnis für die Brutalität der Teilung

Christoph Stollowsky

Hier sprangen Menschen aus den Fenstern ihrer Wohnungen in die Freiheit oder gruben nächtelang von den Kellern ihrer Häuser Fluchttunnel in den Westen. An dieser Stelle wurde eine Kirche von DDR-Grenzern gesprengt, um Schuss- und Sichtfreiheit für den Todesstreifen zu erlangen. Eine U-Bahnstation war jahrzehntelang gesperrt – ein Geisterbahnhof. Nirgendwo in Berlin werden die brutalen Folgen des Mauerbaus am 13. August 1961 deutlicher als an der Bernauer Straße zwischen Mitte und Wedding. Deshalb wurde dort im Rahmen des Mauer-Gedenkkonzeptes die 1999 eröffnete zentrale Gedenkstätte geschaffen, an der Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit heute einen Kranz niederlegt.

Bis zum 13. August vor 46 Jahren war die „Bernauer“ eine typische Berliner Wohnstraße mit fünfgeschossigen Mietshäusern aus der Gründerzeit. Nach der Teilung der Stadt in vier alliierte Sektoren wies sie eine Besonderheit auf: Hier überschritten die Bewohner jedesmal die Grenze, wenn sie ihr Haus verließen. Die Gebäude an der Südseite der Straße lagen im sowjetischen Sektor, ihre Gehwege aber bereits im französischen.

Als die Mauer hochgezogen wurde, spielten sich dort die dramatischsten Szenen ab. Während Grenztruppen der DDR schon die Fenster der Häuser im Parterre zumauerten, sprangen Bewohner noch aus dem Obergeschoss auf die französische Seite. Am 15. August 1961 ging das Foto eines weiteren Sprungs um die Welt: Der Volksarmist Conrad Schumann machte an der Bernauer Straße über Stacheldrahtrollen hinweg einen Satz in den Westen und warf dabei seine Maschinenpistole fort.

1962 und 1964 gelangen an diesem Mauerabschnitt zwei langfristig geplante, spektakuläre Fluchtunternehmen: Mieter von Häusern, die im Grenzbereich weiter bewohnt werden durften, gruben von ihren Kellern aus zwölf Meter tiefe Tunnel unter dem Todesstreifen hindurch. Rund hundert Menschen, vom Kleinkind bis zur Großmutter, krochen nachts durch die knapp 70 Zentimeter hohen Schächte in die ersehnte Freiheit. Erst nach Tagen wurden die Tunnel entdeckt und zugeschüttet.

Für die DDR war dies der letzte Anlass, auch die verbliebenen Mietshäuser dem Erdboden gleichzumachen. Der nahe U-Bahnhof „Bernauer Straße“ war ohnehin schon seit dem Mauerbau gesperrt, um Fluchtversuche durch den Untergrund zu verhindern. Nun stand nur noch die ungenutzte Versöhnungskirche der Sophienkirchengemeinde im Niemandsland. Die Gemeinde war schon 1961 geteilt worden, die Toten ihres Friedhofs im Grenzbereich hatte man damals umgebettet, ihre Kirche blieb unerreichbar. Sie war der SED ein Dorn im Auge. 1985 wurde sie gesprengt. „Ein Knall zerriss die Stille“, erinnern sich Zeitzeugen, „dann stürzte die Spitze des Kirchturms hinab.“

West-Berliner konnten an der „Bernauer“ von einer Plattform aus auf den Todesstreifen blicken. Heute ist dieser Mauerabschnitt auf 212 Metern mit allen Sperrelementen bis zur Peitschenlampe erhalten. Unterbrochen wird die denkmalgeschützte Grenzanlage von der Gedenkstätte mit ihren sechs Meter hohen Stahlwänden. Auch das Dokumentationszentrum und die Versöhnungskapelle am Platz der einstigen Versöhnungskirche gehören zum Ensemble.

Die Gedenkstätte soll bis 2011 vervollständigt werden. Reste der gesprengten Häuser werden zur Zeit ausgegraben, am Nordbahnhof ist ein zusätzliches Ausstellungsgelände geplant – beispielsweise zur Dokumentation der Geisterbahnhöfe.

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