Berlin : Sitz!

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VON TAG ZU TAG

Von Andreas Conrad

Zu den Regeln der musikalischen Früherziehung gehört, dass Chöre am besten klingen, wenn sie stehen. „Kein Chor der Welt singt im Sitzen“ – die Behauptung der Fußballfan-Initiative „Pro 15.30“ leuchtet spontan ein, ebenso ihre Klage, weniger Stehplätze in den Stadien gefährdeten immer mehr die Fankultur. Fragt sich nur: Hält diese These musikhistorischen Studien stand? Geklagt wurde auch, die Fans würden bei Auswärtsspielen „wie Verbrecher“ behandelt: erst eingekesselt, dann geschlossen ins Stadion geführt. Sie bilden also, spinnen wir diesen Gedanken fort, einen „Chor der Gefangenen“, in der Tradition der berühmten Gefangenenchöre aus Verdis „Nabucco“ und Beethovens „Fidelio“. Aber ist es bei Gefangenen nicht unvermeidlich, gewissermaßen eine conditio sine qua non, dass sie sitzen? Und welche Körperhaltung nehmen berufsbedingt die Spinnerinnen ein, denen Wagner im „Fliegenden Holländer“ eigens einen Chor gewidmet hat? Sie sitzen!

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