Berlin : Sitzblockade

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Von Christian van Lessen

An der Ebertstraße zwischen Brandenburger Tor und Reichstag stehen rechterhand vier schöne neue Bänke. Gut drei Meter vor einem der neuen Bundestagsgebäude zieren sie einen Vorgarten, der für alle zugänglich ist. Ein kleiner Weg verbindet den Garten mit dem Bürgersteig. Je zwei Bänke stehen eng zusammen. Mit den Pflanzen drumrum bilden sie eine grüne Insel, eine kleine Oase.

Es ist nicht lange her, da stand hier ein Bauzaun, die Leute drängelten sich auf dem holprigen Bürgersteig. Nun ist der Gehweg glattgepflastert, aus der Baustelle ist ein Neubau entstanden, und der kleine Garten mit den Bänken davor signalisiert den Passanten: Auf die Plätze, fertig, ausruhen!

Den Tiergarten und das BVG-Wartehäuschen vor Augen, das Brandenburger Tor zur Linken und den Reichstag zur Rechten: Und erst die Leute, die vorbeihasten oder schlendern, die Touristen mit Stadtplänen, und Politiker, die sich noch unter Menschen trauen. Ein Logenplatz vor laufendem Band und das bei gar nicht mal so schlechter Luft.

Auf Straßen und Plätzen südlicher Länder sind solche Bänke heiß begehrt. Der Genuss stillen, leicht lästernden Beobachtens wird zelebriert. Jeder will sitzen und schauen, was vorbeipromeniert. Hier, an der Ebertstraße, scheinen alle Leute ein Ziel zu haben, aber keine Zeit, einfach nur zu bleiben.

Das scheint das Problem dieser neuen Bänke zu sein. Sie stehen nur rum. Niemand würdigt sie. Idyllische Nischen, die keiner, kaum einer nutzt. Die vielen Leute laufen vorbei, weil sie vielleicht glauben, die Bänke gehörten dem Thierse oder hätten sonst etwas Geheimnisvolles. Wenn Passanten anhalten, dann nur ganz kurz: Wenigstens die Papierkörbe des Vorgartens sind immer voll.

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