Smartphones bei Konzerten : Ohren auf, Handy aus!

Pokémon-Fangen beim Beyoncé-Auftritt: Geht’s noch? Wer Musik nur durchs Smartphone genießen kann, hat ein Problem. Liebe Konzertgänger, prägt euch den Abend ein, statt ihn zu filmen – schöne Erinnerungen schlagen jeden Wackelmitschnitt.

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So kriegt man den größten Star klein: Smartphones beim Konzert.
So kriegt man den größten Star klein: Smartphones beim Konzert.Foto: Malte Christians/dpa

Die Musik spielt – Überraschung! – vorne auf der Bühne, nur wenige Meter entfernt. Dummerweise hat die Besucherin so gar kein Ohr für das, was an diesem Abend im Pariser Stade de France eine gewisse Beyoncé Knowles veranstaltet. Ihre Augen kleben auf dem Handy-Display wie alter Kaugummi unterm Schuh. Da möchte noch ein Pokémon eingefangen werden. Und noch eins. Und noch eins. Go! Go! Go!

Mit diesem Internet-Video, mittlerweile tausendfach angeklickt, hat die Debatte über die Handynutzung bei Popkonzerten in dieser Woche eine neue Dimension erreicht. Dabei sind auch so schon genug absurde Beispiele überliefert, wie Mobilgeräte einen netten Abend mit Musik und Freunden torpedieren können. Marius Müller-Westernhagen etwa war bei einem Unplugged-Konzert in der Berliner Volksbühne so genervt von den Dauerfilmern, dass er sich während eines Liedes („Sexy“) selbst unterbrach und den Störenfrieden die Sicherheitsleute auf den Hals hetzte. Sie hatten sich nicht an das Handyverbot gehalten, das immer mehr Musiker einfordern. Wer zum Beispiel das Geheimkonzert von Alicia Keys in Berlin erleben wollte, musste sein Gerät am Eingang in einem Säckchen abgeben. Und die britische Sängerin Adele erinnerte einen Hobby-Regisseur daran, „dass das ein echtes Konzert ist, keine DVD“. Es gibt sogar schon einen Fachbegriff für das Phänomen: digitaler Gedächtnisschwund. Immer alles schön festhalten, ohne sich was zu merken. Weißte noch, neulich bei Westernhagen? Fehlanzeige.

Man hat Glück, wenn sich mal ein schmaler Sichtkorridor auftut

Der Frust der Künstler über diesen seltsamen Archivierungswahn ist so nachvollziehbar wie der vieler Fans. In den 1990er und 2000er Jahren war es ein Ding der Unmöglichkeit, bei Konzerten technisch hochwertige Kameras in den Innenbereich zu schleusen; es war zu riskant, zu unbequem – und schlichtweg verboten. Die Aufmerksamkeit fokussierte sich dadurch automatisch auf die Bühne, den Künstler, die Band, die Show – eben auf die Sachen, für die man bezahlt hatte. Heute ist es dagegen eher eine glückliche Fügung, wenn sich bei Liveacts unter all den Smartphones ein schmaler Sichtkorridor auftut und für einen kurzen Augenblick der Blick auf das Wesentliche frei wird.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Niemand hat etwas gegen ein paar hübsche Erinnerungsfotos von Konzerten, die dann in die Welt hinausgezwitschert werden oder vielleicht sogar im Familienalbum auftauchen. Irgendeinen Vorteil muss es ja haben, dass die Handys von heute x-mal mehr Speicherplatz haben als der klobige C64, den mir meine Eltern kurz nach der Wende ins Kinderzimmer stellten. Aber mal ganz ehrlich: Wer schaut sich schon zu Hause noch einmal die verwackelten Videos an, die zuvor in Waldbühne, Wuhlheide, Tempodrom oder Schmeling-Halle entstanden sind? Wer steht ernsthaft auf blecherne Tonmitschnitte, die eher an kaputte Kopfhörer erinnern als an einen klangvollen Abend?

„Du spinnst wohl, schau nach vorne!“

Offenbar eine ganze Menge Menschen und erstaunlicherweise auch immer mehr ältere Semester. Ein Kollege erzählte neulich von einem Konzert der Band „Element of Crime“ in der Spandauer Zitadelle. Seine Beobachtung: Junge Menschen tanzten und hatten Spaß, die älteren filmten und verschickten Whatsapp-Nachrichten. Das hat mich sofort an ein Konzert von Udo Lindenberg im Olympiastadion erinnert, das ich vor gut einem Jahr mit meiner Mutter besuchte. Um uns herum archivierte ein Großteil der Generation 50 plus alles ordentlichst auf dem Smartphone. Als ich mein Handy dann selbst für ein Erinnerungsfoto aus der Tasche holen wollte, musterte mich meine Mutter mit einem bösen Blick und einer berechtigten Bemerkung: „Du spinnst wohl, schau nach vorne, gleich jeht’s los!“

Nach dem Konzert haben wir dann noch ein gemeinsames Bild von uns machen lassen, es hängt heute bei mir zu Hause an meinem Kühlschrank. Und immer, wenn ich daran vorbeilaufe, denke ich daran, was das für ein cooler Abend war. Auch ohne Handy-Videos. Oder besser gesagt: Gerade weil es davon keine gibt.

Dieser Text erschien zunächst als Rant in unserer gedruckten Samstagsbeilage Mehr Berlin.

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