Berlin : SMS an Angela

Musikalische Demonstration gegen den G-8-Gipfel: Die Band Faithless ruft heute in der Columbiahalle zu einer Protestaktion auf Auch viele Berliner Gruppen engagieren sich gegen das Treffen in Heiligendamm – mit CDs, Konzerten und Appellen

Sebastian Leber

Faithless sind bekannt für einfache Sätze. Aus denen haben sie schon viele Refrains gemacht und daraus Hits. „God is a DJ“ hieß einer. Oder „I can’t get no sleep“, ich finde keinen Schlaf, weil ich so viel tanzen muss, damit schafften es Faithless auf Platz eins der Charts. Vor ihrem heutigen Berlin-Konzert in der Columbiahalle wollen die Briten eine Botschaft verkünden, die man nicht in einem einzigen Satz zusammenfassen kann. Deshalb geben sie vorher eine Pressekonferenz.

In gut 50 Tagen beginnt in Heiligendamm der G-8-Gipfel, das Treffen der sieben führenden Industrienationen und Russlands. Wie bei den Treffen in den Vorjahren werden Zehntausende kommen, um gegen die Politik der Großen und gegen die negativen Folgen der Globalisierung zu protestieren – und um mehr Geld für Entwicklungshilfe einzufordern. Darum geht es auch Faithless. Vor zwei Jahren hatten die G 8 versprochen, bis 2010 jährlich 50 Milliarden Dollar zusätzlich für die Entwicklungshilfe auszugeben.

Seitdem sei nicht viel passiert, sagt Maxi Jazz, der Sänger. „Noch immer müssen mehr als eine Milliarde Menschen von weniger als einem Dollar pro Tag leben.“ Die Entwicklungshilfe sei gar zurückgegangen. „Das ist beschämend“, findet Maxi Jazz. „Deshalb wollen wir unsere Fans in Deutschland dazu aufrufen, sich im Kampf gegen die Armut einzusetzen und die Regierungen zum Handeln zu drängen.“

Die Idee ist simpel: Fans sollen eine SMS mit deutlichen Worten an Bundeskanzlerin Angela Merkel schicken. Nein, die Nummer der Regierungschefin wird heute auf der Pressekonferenz nicht verraten. Die Hilfsorganisation Oxfam will alle SMS unter der Nummer 727 68 sammeln (Stichwort „ANGELA“) und sie dann gebündelt der Bundeskanzlerin übergeben.

Der Aufruf von Faithless wird nicht der einzige sein. Auch Berliner Künstler haben eine Menge vor. Am kommenden Freitag startet im Club „Maria am Ostbahnhof“ ein dreitägiges Festival, bei dem internationale Punk- und Ska-Bands auftreten. Die bekannteste heißt Lagwagon und kommt aus Kalifornien.

Anfang Mai erscheint außerdem ein Benefizalbum mit dem Titel „Move against G 8“, auf dem 19 deutsche Bands und Künstler ihre Meinung sagen. Darunter viele Berliner: die Popband Wir sind Helden, Tomte und Madsen. Tocotronic, deren Sänger Dirk von Lowtzow seit vier Jahren in Berlin lebt, sind auch dabei. Und Songwriterin Bernadette La Hengst. Die hat ihre Gründe bereits formuliert: „Leider bestimmen immer noch einige wenige reiche Industrienationen über den Welthandel und somit auch über den Reichtum und Armut in der Welt.“

Außerdem soll es unmittelbar vor dem Gipfel in Heiligendamm ein großes Festival geben. Am 2. und 3. Juni als Auftakt für Demonstrationen. Auch hier werden bekannte Berliner auf der Bühne stehen, sagen die Veranstalter. Die Namen werden erst in den nächsten Wochen genannt. Sicher ist aber, dass der Hamburger Hip-Hopper Jan Delay mitmacht. Weil es „nicht angeht, dass sich acht Staaten zu Herrschern der Welt erklären und sagen, wie der Hase läuft“, sagt er.

Solche Protestkonzerte können historisch werden, das wissen auch die Bands. Im Rahmen der Aktionen gegen den G-8-Gipfel 2001 in Genua stand der französische Musiker José-Manuel Chao, besser bekannt als Manu Chao, auf der Bühne. Das Video von seinem Auftritt kursiert heute noch im Internet. Und die Berliner Band „Atari Teenage Riot“ gab 1994 bei der 1.-Mai-Demo in Kreuzberg ein Konzert – gerade, als die Gewalt losbrach. Die Band spielte einfach weiter, bis sie von der Polizei von der Bühne geholt und abgeführt wurde. Solche Szenen machen eine Band unsterblich.

Ein Berliner Musiker hat sich bisher noch nicht geäußert, ob er in Heiligendamm dabei sein will – obwohl er bestens geeignet wäre. Der Musiker Peterlicht sang auf seinem letzten Album das schöne „Lied vom Ende des Kapitalismus“. Darin hieß es auch: „Der Kapitalismus, der alte Schlawiner, ist uns lang genug auf der Tasche gelegen.“ Nur hat Peterlicht bis heute nicht verraten, ob er das Lied bloß ein bisschen oder eher ganz ironisch meint.

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