Berlin : Snack für Lesehungrige

Am Bahnhof Zoo kann man jetzt auch Literatur am Automaten ziehen

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Bücher aus dem Automaten? Die Wartende am SBahnhof Zoologischer Garten stutzt, schaut genauer hin – und entdeckt dann die gelben Taschenbücher zwischen Schokoriegeln und Soft Drinks. Unterstes Fach: Die Nummer 49 zum Preis von einem Euro: „Weiße Nacht“ von David Wagner. Doch die meisten Kunden ignorieren die Taste für Literatur: „Ich will doch vorher wissen, was drin steht“, sagt eine. Und sowieso: „Ich habe meine Bücherei.“

Für den Geschäftsführer des Berliner Kleinverlags „SuKuLTuR“, Frank Maleu, hat Buchvertrieb über Automaten Zukunft. Zuerst gab es die Idee, selbst alte Automaten zu kaufen, auf den Verkauf von Büchern umzurüsten und aufzustellen. „Das war zu teuer“, sagt Maleu. Stattdessen beschloss er, die Leseware Automatenbetreibern anzubieten. Mit Erfolg, wie es scheint: Die Automaten-Literatur wird inzwischen in ganz Deutschland verkauft – probehalber jedenfalls. „Wenn sie sich nicht verkaufen, fliegen sie aus dem Sortiment“, sagt der Geschäftsführer eines großen deutschen Automatenbestückers, Wolfgang Geile. Bisher läuft der Verkauf gut, bislang hat er rund 4000 Bücher bestellt.

Die Avantgarde-Reihe „Schöner Lesen“ gibt es bereits seit mehreren Jahren, sie ist für den Automatenverkauf wie gemacht: Die Texte haben einen Umfang von 16 bis 24 Seiten – für den Lesenden gerade lang genug, eine S-Bahn-Fahrt zu überbrücken: „Halt wie ein Snack“, sagt Initiator Frank Maleu.

Dagegen finden im Sortimentsbuchhandel Bücher dieser Art meist wenig Beachtung. Zumal „SuKuLTuR“ vor allem jugendliche deutsche Literatur verlegt; meist Texte von Autoren aus Berlin, aus Köln und Wien. Automatenkunden kaufen Avantgarde aus Neugierde, sind die Verleger überzeugt, und sie hoffen, dass manch ein Kunde so die „Schwellenangst vor literarischen Experimenten“ verliert.

Die Initiatoren hatten vor dem Start eher Probleme der praktischen Art. Sie sorgten sich, dass sich das Papier in den Automaten wellen könnte. „Wir haben mehrere Wochen verschiedene Papierarten ausprobiert“, berichtet Maleu. Doch die Praxis zeigte: Die Hefte waren von Beginn an automatentauglich. In der Reihe „Schöner Lesen“ sind bisher 28 Hefte erschienen. Jeden Monat plant der Verlag vier neue, denn auch Automaten haben Stammkunden – und denen wolle man regelmäßig neues Lesefutter bieten. chr

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