Berlin : SO 36: Zentrum der Subkultur

Malte Fischer

"Ein Porträt über mich? So richtig mit Foto und allem Drum und Dran?" Das schmale, markante Frauengesicht unter dem leopardenfarbenen Irokesen-Schnitt schaut skeptisch. Eigentlich möchte Eddy Kuhn nur über das SO 36 reden, über den Diskoabend für türkische Mädchen, über die Solidaritäts-Veranstaltung für die Globalisierungsgegner von Genua. Und schließlich sei sie "nur eine von vielen, die mitarbeiten, dass es weitergeht mit dem SO." Trotz Geldmangels, trotz der starker Konkurrenz aus Mitte, Prenzlauer Berg und Friedrichshain.

Eddy sitzt im Vorstand des Vereins "Sub Opus 36", laut Selbstdefinition "eines der letzten großen Kollektive der Stadt, die basisdemokratischen Anspruch mit erhöhter Professionalität verbinden." 150 Mitglieder arbeiten, teils fest angestellt, teils ehrenamtlich, in verschiedenen Gruppen für den Traditionsclub in der Oranienstraße. Eddys Karriere begann vor zehn Jahren als Türsteherin. "Wenn jemand Stress gemacht hat, habe ich mich mit dem eben argumentativ auseinander gesetzt. Das hat in der Regel auch funktioniert." Heute setzt sie sich bei den wöchentlichen Vereinssitzungen mit den Interessen der anderen Mitglieder auseinander. Ihr Job ist die Veranstaltungsplanung. Ein Vollzeit-Job, für den "man auch Idealismus braucht". Wenn der Laden im Sommer mal nicht so gut läuft, muss sie sich selbst den bescheidenen Lohn kürzen.

Das Handy klingelt oft. Eddy antwortet ruhig und präzise. Professionell. Sie ist eine Macherin für die gute Sache. Das SO 36 betrachtet sie als eine Art modernes, linkes Dienstleistungszentrum für Minderheiten und Subkulturen. Stolz ist sie zum Beispiel auf die regelmäßige Disco-Veranstaltung "Gayhane", die erste Clubnacht Berlins, die sich speziell an schwule Türken wendet. Die Entdeckung neuer Zielgruppen ist für Eddy nur ein Nebeneffekt. Ihr geht es darum, dass "diese Menschen einen Ort haben, wo sie für sich sein können und sich nicht verstecken müssen."

Trotz allem Idealismus steigen auch in der Oranienstraße die Mieten. "Seit uns der Senat Anfang der 90er die Fördermittel gestrichen hat, müssen wir Gewinn machen", erklärt sie. Getroffen reagiert sie auf Vorwürfe aus ihrer Besetzer-Clique, das SO sei Teil des Mainstreams geworden und vernachlässige seine Wurzeln in der alternativen Linken. Mit Anfang Dreißig ahnt Eddy, dass sie "das System" nicht mehr großartig verändern wird. Anstatt Transparente zu malen und Steine zu schmeißen, verhandelt sie mit Tour-Managern und DJs um sie für wohltätige Veranstaltungen und Organisationen zu gewinnen. Ihren basisdemokratischen Grundsätzen ist sie treu geblieben wie ihrer Altbau-Wohnung in Prenzlauer Berg, die sie nach der Wende mit Freunden besetzt hat: "Eher soll das SO sterben, bevor da irgendjemand den Boss spielt".

Die Clubszene, so Eddy, ist heute fest in der Hand von Vetretern einer Mitte-Schickeria, die den Sonntagnachmittag lieber beim Sekt-Brunch im "Cibo Matto" verbringen anstatt Benefizkonzerte für kurdische Kinderheime zu organisieren. Deshalb blickt sie für das SO 36 nicht gerade optimistisch in die Zukunft. "Die Zeit der Besetzungen ist vorbei. Bauwagensiedlungen werden geräumt, der Staat engt Freiräume immer mehr ein." Für einen Augenblick mischt sich ein wenig sentimentale Wehmut in die berufslinke Litanei. Sehnsucht nach den guten alten Zeiten.

Viele Träume sind von der Realität längst eingeholt worden. Doch am nächsten Morgen wird Eddy wieder in ihrem Kreuzberger Büro sitzen. Damit es weiter geht. Damit die "letzte alternative Nische" im kommerzialisierten Veranstaltungsgewerbe der Stadt erhalten bleibt. Und damit der Traum von der alternativen Gesellschaft wenigstens in den engen Grenzen des SO 36 hin und wieder zur Realität werden kann.

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