So erlebten Kunden und Passanten den KaDeWe-Überfall : „Raus, raus, alle raus hier!“

Der Raubüberfall auf das KaDeWe unterbrach am Samstag das umsatzstärkste Shopping-Wochenende des Kaufhauses. Die vier Täter gingen blitzschnell vor. Verkäufer und Kunden flüchteten, auch Passanten auf der Straße rannten davon. Viele erfasste panische Angst.

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Polizei zur Stelle: Nach dem Überfall war das KaDeWe zeitweise komplett abgesperrt.
Polizei zur Stelle: Nach dem Überfall war das KaDeWe zeitweise komplett abgesperrt.Foto: Reuters/Fabrizio Bensch

Als Firas Haddadin die Schreie hört und die Panik in den Augen der aus dem KaDeWe strömenden Menschen sieht, weiß er sofort, was los ist. „Ein Überfall!“, ruft er seiner Kollegin zu: „Wir müssen die Leute in Sicherheit bringen, erstmal rüber auf die andere Straßenseite.“

Dabei hatte dieser letzte Sonnabend vor dem Weihnachtsfest so ruhig begonnen. Gegen 9.15 Uhr fingen Firas Haddadin und seine Kollegen von Berlin City Tour mit der Arbeit an. Das Interesse war groß, um 9.30 Uhr startete der erste Bus zur Stadtrundfahrt.

Um die gleiche Zeit öffnete auch das KaDeWe – eine halbe Stunde früher als sonst. Verkäuferin Lina H. (Name auf ihren Wunsch geändert) bediente die ersten Kunden am Kosmetikstand unweit der Juwelierabteilung im Erdgeschoss.

Ein Auto startet laut und rast davon

Im Hotel Esplanade am Lützowufer beschlossen Tanja Bevc und Ralf Pscheidt, die am Tag zuvor zum Weihnachtsshopping aus Lübeck angereist waren, später loszugehen und erst einmal in Ruhe zu frühstücken. Ein junger Mann, der seinen Namen nicht nennen wollte, schob hingegen schon kurz nach 10 Uhr seine acht Monate alte Tochter im Kinderwagen durch das KaDeWe. Kurz vor halb elf verließ Michaela M. (Name geändert) mit ihrem Rollator humpelnd ihre Wohnung und eine blasse Verkäuferin zündete sich vor ihrem Imbissstand am Wittenbergplatz eine Zigarette an.

KaDeWe-Überfall in Berlin: Noch mehr Bilder vom Tatort
Bei dem Überfall auf das KaDeWe wurden mehrere Personen verletzt, weil Reizgas durch die Klimaanlage verteilt worden ist im ganzen Haus.Weitere Bilder anzeigen
1 von 15Foto: dpa
20.12.2014 13:50Bei dem Überfall auf das KaDeWe wurden mehrere Personen verletzt, weil Reizgas durch die Klimaanlage verteilt worden ist im ganzen...

Um diese Zeit – laut Polizei ist es 10.22 Uhr – stürmen vier Männer, möglicherweise hatten sie noch einen oder zwei Komplizen, durch den Nebeneingang in der Ansbacher Straße in die Juwelierabteilung. Einem Sicherheitsmann, der sich ihnen in den Weg stellt, sprühen sie Reizgas ins Gesicht – ob aus einer Kartusche oder einer Pistole beziehungsweise einem Gewehr, kann die Polizei auch Stunden später noch nicht genau sagen.

Die maskierten Männer versprühen das Reizgas im Raum, zertrümmern mehrere Glasvitrinen, rauben Uhren und Schmuck und verschwinden wieder durch den Nebeneingang.

Die blasse rauchende Verkäuferin vor dem Imbissstand erschrickt, weil ein Auto sehr laut startet und davonrast. „Es war ein dunkles Fahrzeug“, sagt sie später. Eine andere Zeugin ist sicher, dass es sich bei dem Fluchtfahrzeug um einen dunkelgrauen Audi handelte.

Zahlreiche Angestellte der Firma Christ flüchten sich in ein Büro und verbarrikadieren sich dort in Panik, berichtet eine Verkäuferin. Im KaDeWe verteilt sich derweil das Reizgas offenbar auch über die Klimaanlage. Sicherheitsleute versuchen, die Besucher so schnell wie möglich aus dem Gebäude zu bringen. Vor dem Haupteingang, wo auch die Busse von Berlin City Tours starten, steht Firas Haddadin. Er hört die Security-Männer „Raus, raus!“ brüllen. Viele Menschen husten, manche weinen, Angst haben alle – Kunden und Verkäufer.

Viele Menschen husten, manche weinen

Firas Haddadin erinnert sich: Als Zwölfjähriger hat er schon einmal eine ähnliche Situation erlebt. Damals wohnte der allerdings in New York und es war ein viel kleineres Geschäft, das überfallen wurde. Jetzt reagiert der Student für medizinische Forschung an der Freien Universität schnell. „Ich habe auf Deutsch, Englisch, Russisch und Spanisch gerufen, dass die Menschen schnell weg sollen“, erzählt er später. Und hilft, die Menschen über die Straße zu bringen. Dort ist der Verkehr ist längst zum Erliegen gekommen. Ein paar Minuten später treffen die ersten Polizei- und Rettungsfahrzeuge ein. Weil nicht klar ist, ob die Täter scharfe Schusswaffen dabei haben, rast auch das Spezialeinsatzkommando zum Kaufhaus, kommt aber nicht zum Einsatz. Während die Polizisten zunächst einmal alles weiträumig absperren und mit der Spurensicherung im Erdgeschoss beginnen, kümmern sich Rettungssanitäter und ein Notarzt um die Verletzten.

„Zum Glück haben die meisten nur leichte Reizungen der Augen oder Atemorgane erlitten“, sagt der Einsatzleiter der Feuerwehr, Christian Grätz. 15 Menschen seien betroffen, darunter ein Kind, aber nur ein Verletzter musste ins Krankenhaus gebracht werden. „Wahrscheinlich war es eine Kundin, die wegen des Gases einen asthmatischen Anfall erlitten hat“, sagt ein Polizeisprecher.

Verkäuferin Lina H. steht wie Hunderte ihrer Kolleginnen und Kollegen draußen auf der Tauentzienstraße und zittert nicht nur vor Kälte. „Wir dürfen nichts sagen“, heißt es von allen KaDeWe-Angestellten, aber viele fügen hinzu: „Es war schlimm.“

Das scheint auch der junge Mann zu empfinden, der mit seinem acht Monate alten Töchterchen im Kinderwagen unbeschadet ins Freie gelangt ist: „Ich will lieber nichts sagen, ich bin froh, dass sie gesund ist“. Das kleine Mädchen im Wagen lacht unbeschwert und zeigt dabei seine ersten beiden Zähnchen. „Wir warten jetzt auf die Mama“, sagt der junge Mann.

Um 12 Uhr wurde das Kaufhaus wieder geöffnet

Um 12 Uhr wird das Kaufhaus wieder geöffnet, der letzte Sonnabend vor Weihnachten ist einer der umsatzstärksten, wenn nicht gar der umsatzstärkste Tag im Jahr. Auch Tanja Bevc und Ralf Pscheidt aus Lübeck sind jetzt hier. Und wundern sich über die von Polizisten abgesperrte Juwelierabteilung im Erdgeschoss. „Wir haben gedacht, dass hier vielleicht gerade ein Film gedreht wird“, sagt Tanja Pevc: „Oder dass irgendein wichtiger Politiker gerade hier ist.“

Michaela M. kann darüber nur lächeln. „Die wissen nicht, dass es hier ständig Überfälle gibt“, sagt die 60-Jährige, die seit Jahren am Wittenbergplatz bettelt. Sie hat sich auf den Rollator gesetzt, eine Decke über die kaputten Beine gelegt und einen kleinen Karton vor sich gestellt. Knapp acht Euro dürften darin liegen. „Ich ärgere mich, weil ich wieder zu spät gekommen bin“, sagt sie. „Letztes Jahr habe ich den Überfall auf den Juwelier gegenüber nur knapp verpasst. Ich hätte den Räubern sonst meinen Rollator in die Haxen geknallt“. Sie grinst und sagt: „Darin habe ich Erfahrung.“ Vor dem KaDeWe wirbt Firas Haddadin wieder um Touristen für die Berlin City Tour und drinnen berät Verkäuferin Lina H. die Kunden am Kosmetikstand. Sie ist nicht die einzige, der die Angst noch in den Augen steht.

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