Berlin : So kann es weitergehen

International, offen, feierfreudig waren wir auch schon vor Beginn der WM. Es ist uns nur wieder bewusst geworden. Jetzt ist der Schwung da, um Berlin voranzutreiben

Bernd Matthies

Das Aufregendste ist vermutlich, dass praktisch nichts passiert ist. Ein verrückter Autofahrer hat zwar vor dem Brandenburger Tor viele Menschen verletzt, doch selbst dieser abrupte Einbruch der anderen Realität konnte der Euphorie in der Stadt nichts anhaben. Überhaupt: Euphorie. Kaum ein Wort ist in den vergangenen Wochen so oft benutzt worden, wo eigentlich nur gute Laune und große Freude gemeint waren. Euphorie: „Zustand einer – objektiv als unangemessen bewerteten – gehobenen Stimmung“ notiert der Brockhaus trocken.

DIE LAUNE ENTSPRACH DER LAGE –

UND BEIDES WAR AUSNAHMSWEISE GUT

Doch es war ja nichts unangemessen an der Freude über die Leistungen der deutschen Fußballer, über die nahezu perfekte Organisation, die friedlichen Massenfeste, ja, und eben darüber, dass nichts von all dem eingetreten ist, was notorische Schwarzseher ebenso befürchtet haben wie jene, die von Amts wegen Pessimisten sein müssen, weil sie Polizeioberräte oder Innenminister sind.

Die Stimmung entsprach also der Lage, auch das ist im Berlin des 21.Jahrhunderts an sich nichts Ungewöhnliches – nur dass hier eben normalerweise Stimmung und Lage schlecht sind. Doch nun herrscht Einigkeit darüber, dass die Stimmung seit dem Fall der Mauer nicht mehr so gut gewesen sei. Das kann niemand objektiv messen; auch während der Reichstagsverpackung hätte Berlin, wie wir uns erinnern, kaum besser gelaunt sein können.

International, offen, feierfreudig und, du liebe Güte, multikulturell sind wir nicht erst seit dem 9. Juni 2006, Christopher Street Day, Love Parade oder Karneval der Kulturen sind keine Stadtteilfeste. Nur mochten wir uns bisher trotzdem nicht von dem unsinkbaren Glauben trennen, demzufolge Berlin hinter allem Tralala auf ewig eine Metropole blaffender Kontrolleure und rüder Taxifahrer sei, die sich bei Pils und Currywurst gegenseitig auf die Schnauze hauen. Da hat sich was geändert. „Ihr seid ja gar nicht so!“, riefen uns die Gäste der WM nun zu, und wir antworteten: „Komisch, dass ihr das sagt, das ist uns auch gerade aufgefallen.“

CHRISTOPHER STREET DAY UND LOVE

PARADE FOLGEN SCHLAG AUF SCHLAG

Möglicherweise wird dieser Frühsommer 2006 gerade in Berlin einst als der Zeitpunkt gelten, an dem eine neue Generation begann, die öffentliche Meinung zu bestimmen. Die WM war ein Festival der Jugend, und diese Jugend hat sich weder darum gekümmert, wo in der Stadt denn die Grenze zwischen Ost und West verlaufe, noch hat sie sich von den Großbedenkenträgern vorschreiben lassen, wie politisch korrekter Patriotismus äußerstenfalls auszusehen habe. Schwarz-Rot-Gold hatte zum ersten Mal in der bundesdeutschen Geschichte eine unpolitische Bedeutung, war nichts als ein Symbol der guten Laune – das geben inzwischen sogar jene zu, die immer noch, sehr verständlich, zusammenzucken, wenn eine Gruppe Jugendlicher lauthals „Deutschland! Deutschland!“ skandiert. Denn zum ersten Mal wurde dabei eine uneingeschränkt positive Resonanz spürbar.

Die Hochstimmung wird abklingen – um das zu ahnen, brauchen wir nicht den leibhaftigen Psychiater, den die Deutsche Presse-Agentur für diese Erkenntnis bemüht. Aber dieser Prozess wird gemildert durch den neuen Blick, den uns die WM-Erfahrung nun auch auf das Vorhandene, schon länger Existierende gestattet. Christopher Street Day am kommenden und Love Parade am darauf folgenden Wochenende folgen Schlag auf Schlag, Berliner Markenzeichen seit langem, und die Stimmungsbrücke müsste halten und dazu beitragen, dass sich das für Berlin so lange typische Sommerloch im Trend der letzten Jahre weiter verkleinert.

Dies wäre schon deshalb notwendig, weil die Weltmeisterschaft zwar ein Stimmungsknaller war, aber längst nicht das in die Kassen gespült hat, was die Vorher-Euphorie – hier ist der Begriff angemessen – versprach. Profitiert haben vermutlich all jene, die ihr Geschäft unmittelbar am Stadion oder der Fanmeile machen konnten. Hotels, Gaststätten und Einzelhändler generell müssen dagegen froh sein, wenn sie das Abenteuer WM ohne große Einbußen überstanden haben. Immerhin hat das Dienstleistungsbewusstsein einen richtigen Satz nach vorn gemacht, denn vom Hauptbahnhof bis in entlegene Supermärkte war das Bestreben spürbar, den Gästen freundlich und hilfreich entgegenzukommen. Das ist ein Schritt auf dem Weg, Berlin auch ohne Fußball langfristig als Konferenzort und attraktives Touristenziel international voranzubringen.

DAS DIENSTLEISTUNGSBEWUSSTSEIN

IMMERHIN HAT EINEN SATZ GEMACHT

Und die Politik? Hat sich klein gemacht. Klaus Wowereit zeigte vier Wochen lang Fan-T-Shirt und Lebensgefährten und damit seinen untrüglichen Instinkt fürs Mitsegeln im Wind des Zeitgeistes. Der Li-La-Laune-Bär namens Wowi für den Wahlkampf ist schon geordert, und am liebsten wäre der SPD wohl, sie könnte wie ein verdientes Festkomitee am Wahltag im September die Ernte für die gelungene WM einfahren, ohne sich vorher unnütz als politische Organisation demaskieren zu müssen. Es mag durchaus sein, dass das genügt, und dass Friedbert Pflüger, der wenig populäre Herausforderer, mit seinem Beharren auf Sachthemen als Spaßbremse gilt und abschmiert. Aber es wäre zu wenig.

Ja, die Völker der Welt haben die Fußball-Weltmeisterschaft genutzt, um wieder einmal auf die Stadt zu schauen. Das war prima für Berlin. Aber nun müssen wir selbst aus der tollen Stimmung auf Zeit eine gute Stimmung auf Dauer machen. Wenn die Fahnen dabei helfen, dürfen sie gern hängen bleiben.

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