So kann’s gehen : Parkgroschen einfordern

Immer wieder sonntagsfragen SieElisabeth Binder.

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Ich habe meinen alten Klassenkameraden aus der Klinik nach Hause gefahren. Der Schwiegersohn hatte keine Zeit. Nach vier Wochen erinnerte ich ihn an die ausgelegten Parkgebühren. Mein Klassenkamerad war sehr konsterniert. Drei Tage später fand ich im Briefkasten das Parkgeld, eingewickelt in Silberpapier. Und jetzt ist Funkstille! Wir sind beide 83 Jahre alt und kennen uns seit 1945 aus der Schule. Bin ich wirklich so ein Kleinlichkeitskrämer?

Bei vielen Fragen gibt es mehrere Aspekte zu berücksichtigen. In Ihrem Fall suche ich sehr nach einem Argument, das für Ihr Verhalten spricht. Es könnte ja zum Beispiel sein, dass Ihr Freund sehr wohlhabend ist und Sie selber gerade eben so über die Runden kommen. Dann wäre natürlich der Freund verpflichtet gewesen, die Erstattung der Parkgebühren, vielleicht auch einen kleinen Benzinkostenzuschuss, von sich aus anzubieten.

Womöglich wäre es für ihn sogar einfacher gewesen, sich gleich ein Taxi nach Hause zu nehmen. Wenn der finanzielle Abstand zwischen Ihnen beiden nicht dramatisch groß ist, würde es mir schwer fallen, Verständnis aufzubringen für Ihre Haltung. Sie entwerten dadurch eine gute Tat, einen Freundschaftsdienst. Das ist sehr schade. Vielleicht rechnen Sie einfach zu viel? Warum zum Beispiel wäre der Schwiegersohn bei der Abholaktion eher dran gewesen als Sie, der alte Freund? Es sollte Ihnen doch ein Herzensanliegen sein, einem vertrauten, lieben Menschen das Leben in einer gesundheitlich schwierigen Situation leichter zu machen, ihm zu helfen, wie Sie nur können. Dass Sie einen emotional wichtigen Akt wie das Heimholen aus dem Krankenhaus noch nach vier Wochen auf ausgelegte Parkgebühren reduzieren, klingt tatsächlich schockierend. War das wirklich so viel Geld? Und war es die Summe wert, eine fast 70 Jahre währende Freundschaft aufs Spiel zu setzen?

Überlegen Sie sich einfach mal, was Ihnen dieser Freund bedeutet und warum. Weihnachten ist ein guter Anlass, so was aufzuschreiben. Und vielleicht um Entschuldigung zu bitten, dass man sich einfach mal verrannt hat.

Bitte schicken Sie Ihre Fragen mit der Post (Der Tagesspiegel, „Immer wieder sonntags“, 10876 Berlin) oder mailen Sie diese an:

meinefrage@tagesspiegel.de

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