So kann’s gehen : Servietten als Geschenk?

Immer wieder sonntagsfragen SieElisabeth Binder

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Bei einem Abendessen in der Provinz hatten sich die Gastgeber viel Mühe gegeben mit dem Ambiente. Daneben gegriffen war aus meiner Sicht die Platzierung von Küchenrollen auf der Tafel die Stoff- oder wenigstens Papierservietten ersetzen sollten. Wäre es ungehörig, darauf hinzuweisen oder bei der nächsten Einladung ein Sortiment Servietten als Mitbringsel zu wählen?

Über Geschmack lässt sich nicht streiten, deshalb sollte man in solchen Fragen nicht zu schnell urteilen. Da Sie von Provinz sprechen, stelle ich mir ein eher ländliches Ambiente vor. Wäre es denkbar, dass die Gastgeber die Küchenrollen bewusst als Stilmittel eingesetzt haben, um eine familiär entspannte Atmosphäre zu schaffen? Mancher sieht darin auch nicht in erster Linie die Sparmaßnahme, sondern vor allem eine Art, lässigen Schick auszudrücken.

Ich würde zunächst mal herausfinden wollen, was die Gastgeber bewegt hat, zu den Küchenrollen zu greifen. „Das sieht ja ungewöhnlich aus, wie seid Ihr denn darauf gekommen“, wäre eine Frage, die neutral klingt und besser ist als ein gelogenes Kompliment oder ein voreiliger Tadel à la „Habt Ihr kein Geld für Servietten?“. Ist der Gastgeber stolz auf die Idee, dann sollte man das akzeptieren und nicht unbedingt Missionierungsversuche in Richtung Servietten unternehmen. Wenn Sie in einem schicken Küchenladen mal einen lustigen Küchenrollenhalter sehen mit einer originell bedruckten Rolle drum herum, wäre das sicher das bessere Geschenk. Sagt der Gastgeber frei heraus, dass Servietten zu teuer sind, dann würden ein Satz Stoffservietten oder auch lustig bedruckte Papierservietten, die zum Geschirr des Gastgebers passen, womöglich sogar als besonders umsichtiges Gastgeschenk gern entgegengenommen. Wer vorschnell urteilt und verurteilt, riskiert immer einen atmosphärischen Klimasturz. Der wäre in diesem Fall aber völlig unnötig, weil die Küchentücher die Funktion der Servietten ja übernehmen können.

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