So kann’s gehen : Smartphone bei Tisch?

Immer wieder sonntagsfragen SieElisabeth Binder.

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Es stört mich wahnsinnig, wenn ich bei einer Abendgesellschaft sitze und merke, wie einige Teilnehmer ihr Smartphone in den Schoß legen und Nachrichten tippen. Eigentlich müssten sie sich doch aufs Tischgespräch konzentrieren. Oder bin ich da zu altmodisch?

Das ist eine Frage, die erst entstanden ist, nachdem grundlegende Werke zur Etikette bereits geschrieben waren. In den letzten Jahren ist sie immer mal wieder vorgekommen. Anfangs war meine Meinung dazu eindeutig. Ja, es ist rasend unhöflich, Nachrichten ins Handy zu schreiben, wenn man bei Tisch sitzt und eigentlich am Gespräch mit analogen Menschen teilnehmen sollte. Wie kann man eine Einladung, für die sich ein Gastgeber Mühe gegeben hat, so rüde missachten? Und selbst wenn es nur die eigene Mutter war, die das Abendbrot bereitet hat, würde sie auch etwas Aufmerksamkeit verdienen. Nur weil jemand einen Platz im elektronischen Telefonbuch hat, heißt das noch nicht, dass er Vorrang hat vor lebendigen Menschen, die einem gegenübersitzen.

Kürzlich diskutierte ich darüber mit einem jungen Mann, der einwarf, es könne aber doch sein bester Freund in unwegsamem Gelände einen Unfall gehabt haben und sein Akku gebe nur noch einen einzigen Anruf her und mit diesem versuche er, ihn zu erreichen, damit sein Leben gerettet werden könne. Würde er es sich je verzeihen, nicht bei Tisch auf Empfang gewesen zu sein? Ein solcher Fall wird glücklicherweise nicht alle Tage vorkommen, und ich glaube auch, dass jeder Mensch Zeiten braucht, in denen er nicht ständig abrufbar ist.

Trotzdem werden sich die Sitten ändern. Die digitale Revolution wird ihre Spuren auch im Benimm-Kodex hinterlassen. Ein diskreter Blick nach stummem Vibrationsalarm, ob es sich wirklich um den sterbenden Freund handelt, wird künftig ganz sicher erlaubt sein. Dem fröhlich in einem Club tanzenden Freund von sich aus eine Nachricht zu schicken, dass man baldigst zu ihm stoßen möchte, während man noch mit anderen bei Tisch sitzt, sollte aber als Vergehen betrachtet werden. Und mit Einladungsentzug nicht unter drei Jahren bestraft werden.

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