So kreativ sind Berliner im Fach "Gute Taten" : Zusammenhalten – aber wie?

Mit mehr als 100 Veranstaltungen feiert die Berliner Stiftungswoche vom 18. bis 28. April das wachsende Engagement in der Stadt.

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Ab ins Museum.
Ab ins Museum.Foto: Anika Büssemeier

Das Thema wird täglich aktueller. „Was uns zusammenhält“ lautet der Titel der 8. Berliner Stiftungswoche vom 18. bis 28. April. Obwohl viele das Gefühl haben, die Gesellschaft drifte immer weiter auseinander, muss es doch eine ganze Menge Faktoren geben, die den Zusammenhalt fördern. In mehr als 100 Veranstaltungen, Ausstellungen und Projekten nähern sich engagierte Köpfe diesem Thema. Deshalb braucht es für diese Woche auch zehn statt acht Tagen. Der Eintritt ist in der Regel frei. Wegen der erwarteten hohen Nachfrage muss man sich aber anmelden zu den einzelnen Veranstaltungen. Seit der ersten Stiftungswoche im Jahr 2010 hat sich die Zahl der Stiftungen in Berlin von 700 auf 900 erhöht.

Wie vielfältig das Engagement ist, zeigt allein die Anzahl der Preise, die in Deutschland für freiwillige Einsätze zur Verfügung stehen: Es sind 620, mit denen Menschen, Projekte und Initiativen ausgezeichnet werden können, die sich vorbildlich für das Gemeinwohl einsetzen. Im Rahmen der Woche gibt der Bundesverband Deutscher Stiftungen Praxistipps für die Bewerbung. In einer öffentlichen Datenbank (www.deutscher-engagementpreis.de) können Bewerber den passenden Preis recherchieren.

Religion und Werte

Die große Stiftungsrede hält in diesem Jahr Altbischof Wolfgang Huber am 20. April. Bei einem Vorbereitungsdinner hat er über das Thema schon ausgiebig mit Experten diskutiert, um möglichst viele Facetten zu berücksichtigen. Die Ausgangsthese lautet: „Der gesellschaftliche Zusammenhalt zerbröselt; Mutlosigkeit breitet sich aus; die Polarisierung schreitet fort. Bloßer Schlagabtausch reicht nicht mehr – Kommunikation ist nötig. Die Bedürfnisse müssen zur Sprache kommen, die sich hinter noch so verqueren Aussagen verbergen.“ Ohne gelebte Haltungen, so der Tenor, kein Zusammenhalt.

Bereits am Vortag wird das Thema bei der Auftaktveranstaltung unter drei Aspekten betrachtet. Da geht es um „Wohlstand für alle“, „Bildung als Fundament“ und „Religion und Werte“. Über das letzte Thema spricht Michael Naumann, der Direktor der Barenboim-Said-Akademie, mit dem Pfarrer der Gemeinde St. Petri-St. Marien, Gregor Hohberg.

Für Schirmherrin Christina Rau bietet die Stiftungswoche vor allem eine Gelegenheit, gute Beispiele kennenzulernen und Anregungen zu sammeln, wie man selber den Zusammenhalt in der Gesellschaft stärken kann. Aus ihrer Sicht können Stiftungen das Bewusstsein dafür wecken und schärfen, „dass Vielfalt eine große Chance ist“.

Verantwortung der Kultur

Vielfalt repräsentiert das Programm nun wirklich. Christoph Stölzl, der Präsident der Hochschule für Musik Franz Liszt Weimar, spricht über das Thema Nationalhymnen. Zu einem Gesprächssalon mit syrischen Autorinnen über die besondere Situation und die Identität von geflüchteten Frauen lädt die Mercator-Stiftung unter der Überschrift „Frausein im Exil“. Mit Moral befasst sich ein Vortrag mit anschließender Diskussion der Einstein Stiftung. „Gibt es Dinge, die wir denjenigen moralisch schulden, denen wir noch nie begegnet sind?“, lautet eine der Fragen, die dort behandelt werden.

Aber auch Berlin spielt eine Rolle in dieser Woche. Es gibt ja nicht nur die Bürgerstiftung Berlin, sondern auch Bürgerstiftungen für Stadtteile und Bezirke, Lichtenberg zum Beispiel, Neukölln und Treptow-Köpenick. Die Stiftung Aktive Bürgerschaft will diese Bürger ins Gespräch bringen, um zu überlegen, wie man sich mit Geld, Zeit oder Ideen einsetzen kann.

Einen Blick auf die gemeinsame Vergangenheit ermöglicht die Deutsche Stiftung Denkmalschutz. Der Leiter der Berliner Landesarchäologie und Direktor des Museums für Vor- und Frühgeschichte berichtet über archäologische Zeugnisse aus Berlins Mitte , die vieles erzählen über Lebensumstände und Glaubensvorstellungen der Menschen, von denen sie stammen.

Mit der Stiftung Historische Kirchhöfe und Friedhöfe kann man eine Führung durch die Trauerkapelle auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof erleben, die vom Lichtkünstler James Turrell umgestaltet wurde.

„Kiez meets Museum“ heißt es bei der Stiftung Berliner Leben. Da gibt es einen Ausstellungsrundgang mit einem von Jugendlichen erstellten Audioguide. Die Ausgangsfrage dafür lautete: Was würden Jugendliche anderen Jugendlichen über Kunst erzählen? Mit dem Projekt wird die Teilhabe junger Menschen am kulturellen Leben der Stadt gestärkt.

Fake News auch hier ein Thema

Über die Verantwortung der Kultur in kritischen Zeiten geht es bei einer Veranstaltung der Allianz Kulturstiftung unter der Überschrift „Keine Macht den Lügen“. Unter anderem Téresia Mora, Martin Roth und Thomas Ostermeier diskutieren darüber, welche Kultur eine offene Gesellschaft politischer Lüge, Hetze und Hassrede entgegensetzen kann. Das Allianz Stiftungsforum Pariser Platz ist auch Teil einer Initiative, die Ideen gegen Fake News sammelt. Zu einer Ökumenischen Vesper lädt die Stiftung St. Matthäus. Dabei spricht Berlinale-Chef Dieter Kosslick zum Thema „Dekalog – 9. Gebot“.

Über den Beitrag von Religionsgemeinschaften zum gesellschaftlichen Miteinander wird im Rahmen eines Gottesdienstes nachgedacht, zu dem die Stiftung Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche einlädt.

Auch ganz praktische Angebote gibt es. Das Zentrum für Qualität in der Pflege und die Deutsche Alzheimer Stiftung bieten eine Basis-Schulung an, in der man Tipps bekommt für den Umgang mit dementen Menschen, denen man im Alltag überall begegnen kann.

Initiiert wurde die Woche von der Berliner Stiftungsrunde, die aus mehr als 30 Berliner Stiftungen und ähnlichen Institutionen besteht. Zu den Zielen gehört es auch, dass Berlin, einst Hauptstadt der Stiftungen und Stifter, in diese Rolle zurückfindet, nachdem zunächst die Nazis eine am Gemeinwohl orientierte Bürgerschaft zerstört hatten und dann die Teilung der Stadt deren Renaissance verhindert hat. Erst seit dem Fall der Mauer konnte dieser Prozess wieder in Gang kommen. Diese Fortschritte zu einer toleranten und pluralistischen Gesellschaft wollten die Initiatoren weiter befördern. Damit ist auch die Hoffnung verbunden, dass die vielen guten Beispiele, die in diesen zehn Tagen gezeigt werden, zum Nachahmen anregen, fruchtbare Vernetzungen bewirken und neue Ideen und Formate inspirieren. Auf jeden Fall ist diese XL-Woche eine gute Gelegenheit, sich positiven Gedanken und Ansätzen zu widmen und herauszufinden, was alles möglich ist.

www.berlinerstiftungswoche.eu

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