Berlin : So riecht der Sommer

Nicht überall ist die Stadt dufte: Eine Nasentour von Deo bis Döner, von O-Saft bis Orient

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Der neue Duft heißt „Beyond Paradise“, und in der Parfümerie am Potsdamer Platz sprühen ihn sich die Kundinnen im SekundenTakt auf. So also riecht es jenseits des Paradieses. Blumig und frisch. Und dann sprühen sie noch all die anderen Parfums mit den romantischen Namen auf, „Love and Eternity“, „Miracle“, „Amor“, „Cool Water“.

Diesseits des Paradieses, ganz unten in den Arkaden riecht es nach gar nichts, obwohl Schwaden von Leberkäse, Schollenfilet, Bratwurst und Pasta durch die Gegend wabern müssten. Die Lüftung des neuen Berlin funktioniert tadellos, allenfalls am Käsestand ein kleiner Hauch von jungem Gouda und beim Gemüse-Imbiss so en passant eine Nasenspitze voll von frischem Orangensaft.

In den kleinen Geschäften aus 1001 Nacht, die sich zum Beispiel in der Potsdamer Straße auf die Bürgersteige hin öffnen, duftet es nach Currypulver, Zimt, Muskat, Nelken, Rosenblättern und Kardamom. Auch auf den Märkten kann man Elemente davon erfassen. Sie mischen sich mit dem fruchtigen Odem von reifen Pflaumen, Bananen und aufgeschnittenen Orangen. In den orientalischen Cafés brennen Rauchkerzen gegen die Sommerinsekten zu einem süßlich-schweren einschläfernden Nebel herunter.

Das alte Berlin nistet auch im Görlitzer Park. Im Winter ahnt man hier immer noch den Geruch nach Hausbrand, nach dem Ruß der Kohleöfen, der Berlin so lange dominiert hat. Aber heute ist ein frischer Sommertag, die Stadtreinigung hat die Behälter mit dem Inhalt vom Wochenende abtransportiert, mit ihrem dicksauren Müllgeruch nach vergorenen Salatresten, nach Papptellern mit Bierflecken und Resten von billigem Rotwein. Einen Moment lang könnte man sich einbilden, es rieche nur nach dem süßen Windhauch grüner Sommerblätter.

Aber dann. Dann kommt sie an mit Wucht, die geballte Stinkladung Hundekacke, in der intensivsten Note Scheißhaufen, die man sich vorstellen kann. Und es wundert einen nicht, dass die beiden jungen Typen da drüben im Schatten der Sträucher ihren Grill anwedeln wie verrückt, bis der Rauch hoch in den blauen Sommerhimmel steigt und alles weißbeißend überlagert.

Zurück zur U-Bahn, zur alten Linie 1, vorbei an der Stelle, wo einst im typischen Kreuzberger Maienduft nach brennenden Barrikaden die alte Bolle-Filiale in Flammen stand. In der Linie 1 legt sich so ein feuchter Geruch von Sommerschweiß über die Passagiere, nicht ungewaschen, sondern von Deo-Noten durchzogen. Junge Männer lieben es offensichtlich, knallige Duftspuren aus dem Drogeriemarkt hinter sich her zu schleifen.

Das Mädchen auf dem Sitz schräg gegenüber in der U-Bahn müsste, um dem gängigsten Berliner Stickluft-Klischee zu entsprechen, jetzt eigentlich einen Döner auswickeln. Aber nein, es ist nur eine Portion bleichgelber Pommes mit Ketchup drauf, die säuerlich nach altem Frittierfett riechen. Durch das zwiebelige Döner-Purgatorium müssen vor allem auswärtige Nasen oft genug auf dem Weg vom Flughafen in die Stadt; der türkische Snack ist ein Leibgericht der Taxifahrer. Wenn die Gäste dann auf abendlichen Empfängen ankommen, befinden sie sich schnell wieder „Beyond Paradise“, wo es in Berlin so global riecht wie überall unter Diplomaten, Filmleuten und Top-Managern. Nach französischem Parfüm und englischen Blütenpotpourris, nach Pflaumen im Speckmantel, nach Gin und feinem kaltem Chablis.

An der Tiergartenschleuse mischt sich mittags der zartfrische Schlammhauch des Schleusenwassers mit dem Nivea-Sonnenschutz der Touristen auf dem Schiff. Zum Bahnhof Zoo hin fühlt sich die Nase wie in Ferien auf dem Bauernhof. Strenger Stallgeruch dominiert. Kamel-Dung mischt sich mit Eselsmist und Pferdeäpfeln, aber das geht noch. Ganz schlimm wird es erst unter der S-Bahn-Brücke, die ihren tief eingeätzten, ganz und gar schamlosen Gestank nach unzivilisierten Männern wohl nie wieder loswerden wird. Es gibt viele einschlägige Ecken in der Stadt, aber diese schreit am lautesten danach, dass Urinieren in der Öffentlichkeit streng verboten werden müsste.

Berlin hat keinen eindeutigen Geruch, so wie New York, das in weiten Teilen Manhattans nach angebrannten Brezeln, Sauerkraut und Subway riecht. Hier mischt sich der hölzerne Eisen-Geruch der S-Bahn mit den gemüsebuttrigen Ausdünstungen der Supermärkte und dem als Lockstoff sorgfältig entwickelten und immer größere Verbreitung findenden Duft von Pizza-Laugen-Stangen.

in vielen Teilen trägt die Berliner Luft wirklich diesen legendenverdächtigen seidigen Duft nach Bäumen in sich, nach Linden mit einer fernen Anmutung Kiefer und märkischem Sand, abrupt unterbrochen oft ausgerechnet dort, wo man keine Ernüchterung erwartet: in den Parks. Wäre es durchgesetzte Vorschrift, dass jeder seinen eigenen Müll entsorgt, würde das Paradies ein Stück näher rücken. So bleibt empfindlichen Nasen oft nur die kleine Flucht in die künstlichen Lüfte der Parfümerien.

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