Berlin : „So schlecht kann es Unternehmern hier nicht gefallen“

Berlin sei besonders wirtschaftsunfreundlich, sagt das neue Städte-Ranking. Stimmt gar nicht, sagt die Industrie- und Handelskammer

Marc Neller

Berlin – eine der wirtschaftsunfreundlichsten Großstädte Deutschlands? Ja, sagen die Wirtschaftsforscher von IW Consult. Stimmt gar nicht, schallt es aus Berlin zurück. „Die Betreuung von Investoren ist sicher nicht so schlecht, wie sie nach der Studie erscheint“, sagte gestern eine Sprecherin von Wirtschaftssenator Harald Wolf (PDS). Und die Berliner Industrie- und Handelskammer (IHK) sekundiert. Ausgesprochen wirtschaftsfreundlich sei Berlin zwar bisher nicht, sagt deren Sprecher Achim Rothe. „Aber diese Erkenntnis hat sich doch längst im Senat durchgesetzt. Man hat sich dort bewegt und etwas Bürokratie abgebaut.“ Als Beispiele nannte Rothe die One Stop Agency, eine zentrale Anlaufstelle für Unternehmer aus Berlin.

Das wirtschaftsnahe Kölner Unternehmen IW Consult hatte im Auftrag des Magazins „Wirtschaftswoche“ und der „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“ die 50 größten deutschen Städte nach ihrer Wirtschaftskraft verglichen. Berlin belegt in dieser Studie den drittletzten Platz (wir berichteten). Die Hauptstadt sei „wirtschaftsunfreundlich“ und der Ruf ihrer Verwaltung bei Unternehmern ausnehmend schlecht. Bei beiden Kriterien landet Berlin jeweils unter den schlechtesten fünf Städten. Die Wirtschaftsforscher stützten sich auf eine telefonische Befragung von Berliner Firmen.

Das schlechte Abschneiden erklärt IHK-Sprecher Achim Rothe mit „der Gewichtung der Studie. Der Wohlstand und die Lage am Arbeitsmarkt machen zusammen schon die Hälfte der Bewertung aus.“ Dagegen schlügen Qualitäten wie die Infrastruktur nur mit 15 Prozent zu Buche. „Zum Schaden Berlins“, sagt Rothe. „Auch wenn es für die Spitze sicherlich nicht reicht – Berlin ist attraktiv für Unternehmer.“ Rothe verweist auf die vielen neu gegründeten Firmen. In dieser Teildisziplin sieht IW Consult die Hauptstadt auf Rang neun (s. Grafik oben). „Was Neugründungen angeht, liegt Berlin seit Jahren immer weit vorne“, sagt der IHK-Sprecher. Und schlussfolgert: „So schlecht kann es also den Unternehmern hier nicht gefallen.“ Dass die schlechte Lage auf dem Berliner Arbeitsmarkt Ich-AG’s erzwinge und so die Gründer-Statistiken schöne, weist er zurück. „Viele behaupten sich am Markt.“

Aktuelle Untersuchungen von Städteforschern besagen, dass zumindest Berlins Perspektive nicht so schlecht ist. Demnach ziehen, auf 1000 Einwohner gerechnet, inzwischen wieder mehr gut ausgebildete Menschen aus anderen Großstädten wie Hamburg oder Köln nach Berlin, als das umgekehrt der Fall ist. Darunter Besserverdiener, die häufig in Export- oder Dienstleistungsberufen arbeiten. Und von denen die Stadt langfristig profitiert.

Die von der IW Consult am Mittwoch angegebenen 6300 Euro als durchschnittliches monatliches Netto-Einkommen werden Berliner deshalb aber noch lange nicht zur Verfügung haben. „Natürlich hat der Durchschnitts-Berliner keine 6300 Euro im Monat. Sondern im Jahr“, korrigierte gestern IW-Consult-Geschäftsführer Karl Lichtblau. Ein Mitarbeiter habe am Vortag eine falsche Angabe gemacht. Zum Vergleich: Der Studie zufolge verfügt jeder Münchner – vom Baby bis zum Greis – nach Abzug aller Steuern und Abgaben über 12406 Euro im Jahr, der durchschnittliche Hamburger über 9114 Euro.

Vier Jahre ist es her, da suchten die Bertelsmann Stiftung und der Energiekonzern RWE die unternehmerfreundlichste deutsche Großstadt. Tester traten als Investoren auf und prüften, wie die jeweiligen Verwaltungen und die Industrie- und Handelskammern mit ihnen umgingen. Freundlich, schnell, kompetent? Das Ergebnis: Bielefeld auf Platz eins vor Köln, Berlin auf Rang elf. Von 25.

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