Berlin : So schnell geht das

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VON TAG ZU TAG

Werner van Bebber macht sich

kalte Gedanken an einem heißen Tag

Schwarzer Himmel, dunkel und drohend. Vielleicht schaffen Sie es noch, die dreihundert Meter von der UBahn oder dem Parkplatz bis nach Hause. Heute morgen sah es nach einem klaren Tag aus. Jetzt weht Ihnen eine Bö ins Gesicht, Sand, Staub, einen Tropfen. Er trifft die Stirn, der zweite trifft die Nase. Zweihundertfünfzig Meter noch. Weit genug, um den Schirm aufzuspannen – aber den haben Sie nicht dabei. Wie gesagt – ein klarer Tag. Also Tempo. Jetzt steigt die Zahl der Regentropfenexplosionen auf Ihrem Gesicht deutlich und immer schneller. Wasser beginnt zu laufen, der Regen ist so dicht, dass er die Haare durchfeuchtet hat. Kalt wird die Kopfhaut. Ein Rinnsal, an der Nasenspitze hinab, aufs Kinn. Die Kopfhaut ist flächendeckend gewässert. Rinnsale nun auch am Hinterkopf, hinter den Ohren hinab, den Hals hinunter. Noch 150 Meter. Wassereinbruch im Genick, ein Gebirgsbach scheint in den Hemdkragen zu stürzen, es ist, als führe er Eisschollen mit sich. Kälte sticht, wenn sie richtig kalt ist. Die Nasenspitze fühlt sich an wie der erste Zentimeter eines Eisbrechers. Regen fällt größerenteils an Ihnen vorbei – aber unten sind die Pfützen. Die Sie nicht sehen, weil Sie die Augen zusammenkneifen. Frostkalte Haare, Eisrinnengefühle im Genick, und dieses erste, noch unsichere Gefühl von nassen Füßen. Werden die Schuhe von unten oder von oben nass – oder von überall? Nun ist die linke Jackenschulter durch, eine Sekunde später die rechte. Tür auf, schnell rein in die Wärme.

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