Berlin : So schnell wächst sonst keine Gemeinde

Mit einer Thanksgiving-Zeremonie weihte die American Church in Berlin die Lutherkirche als neue Heimstatt ein

Elisabeth Binder

„Auch diese Kirche wird zu klein für uns werden, da bin ich ganz sicher.“ Ein bemerkenswerter Satz, den Pastor Ben Coltvet da sprach am Ende der Thanksgiving-Zeremonie, mit der die American Church in Berlin (ACB) gestern die Lutherkirche in Schöneberg als ihre neue Heimstatt offiziell eingeweiht hat. Weit über hundert Jahre alt ist diese englischsprachige Kongegration, und heute ist sie die am schnellsten wachsende christliche Gemeinde in Berlin. Oft hatte an den Sonntagen drangvolle Enge geherrscht in der Alten Dorfkirche Zehlendorf, wo die ACB bislang ihre Gottesdienste zelebrierte. Und bereits gestern blieb in der Lutherkirche, die unter der Regie des Architekten Heinz E. Hoffmann demnächst innen umgebaut werden soll, kein Platz mehr frei.

Die Suche nach einem neuen Ort zog sich über sieben Jahre hin, nahm aber dann ein besonders glückliches und auch symbolträchtiges Ende: Ganz in der Nähe des heutigen Standorts auf dem Dennewitzplatz war vor hundert Jahren, im November 1903, die erste eigene Kirche der American Church in Berlin eingeweiht worden. Der Turm des Gebäudes war einer Spende von John D. Rockefeller zu verdanken. Den Ersten Weltkrieg überstand die Kirche in der Motzstraße, im Zweiten wurde sie von Bomben zerstört. Nach 1945 nutzte die Gemeinde verschiedene Gotteshäuser im Süden der Stadt.

Zehn Kerzen wurden zu Beginn der Zeremonie in die Lutherkirche getragen, jede ein Symbol für eine frühere Kirche. Schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts sah sich die Gemeinde mit Platzproblemen konfrontiert. Heute zählt sie 240 feste Mitglieder, es kommen aber zu den Gottesdiensten auch viele Besucher. Zahlen können den Pastor indes nicht beeindrucken, der im Dezember aus dem vergleichsweise beschaulichen Cedar Falls in Iowa nach Berlin kam. Dort hatte die lutherische Gemeinde 5000 Mitglieder, von denen etwa 1500 allsonntäglich die Kirchenbänke bevölkerten. Aber darauf komme es nicht an, sondern auf den Glauben, das Engagement und den Missionswillen der Gemeinde. Nach der Zeremonie traf man sich zum gemeinsamen Mittagessen, zu dem jeder etwas beigesteuert hatte.

Ben Coltvet zeigte sich tief beeindruckt vom unermüdlichen Einsatz der hiesigen Gemeinde, zu der auch Botschafter Dan Coats und Frau Marsha Ann gehören. Menschen aus vielen Schichten, Berufen, Ländern und Konfessionen fühlen sich von dieser traditionsbewussten Gemeinde angezogen. Bereits 1857 kamen amerikanische Familien in Berlin zu Gottesdiensten zusammen.

Bei der Anfangsprozession wurde eine Bibel in die Kirche getragen, ein Geschenk von 1903, außerdem ein Taufbecken, das auch in der Alten Dorfkirche schon benutzt wurde. Im Anschluss an die Thanksgiving-Zeremonie pflanzten Pastor Coltvet und seine Gemeinde einen Apfelbaum neben der Kirchentür vor dem Hintergrund der Legende, nach der Martin Luther, gefragt, was er tun würde, wenn er noch einen Tag zu leben habe, einen Apfelbaum pflanzen wollte.

Der American Church in Berlin stehen, wenn man nach dem Optimismus ihrer Mitglieder geht, noch viele Tage und Jahre bevor. So lässt sich das Leitmotiv von Coltvets Predigt, eigentlich bezogen auf die Zugehörigkeit zum christlichen Glauben, vielleicht auch auf die Zukunft dieser Gemeinde umwidmen: „The best is yet to come - das Beste wird noch kommen.“

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