Berlin : „So verhalten sich nicht einmal Tiere“

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Von Katja Füchsel

Der Fall geht selbst erfahrenen Kripo-Leuten unter die Haut. Die stundenlange Folter. Die Brutalität der Clique. Die menschenverachtenen Schikanen, denen der 20-jährige Auszubildende ausgesetzt war. „So verhalten sich nicht einmal Tiere“, sagt ein Ermittler der Direktion 5, zuständig für Neukölln und Kreuzberg.

Wie berichtet, sitzen drei 18 und 19 Jahre alte Tatverdächtige sowie eine mutmaßliche 20-jährige Komplizin seit Dienstag in Untersuchungshaft. „Das sind alles verkrachte Existenzen“, heißt es bei der Polizei. Ohne Schulabschluss und Arbeitsplatz, finanziell abhängig vom Staat oder Elternhaus. Am Sonntag entlud sich der Frust der Heranwachsenden an dem lernbehinderten Maiko Z., der in einer betreuten Einrichtung in Spandau lebt. Er hatte gegen 1 Uhr seinen flüchtigen Bekannten Stefan N. in der Brusendorfer Straße besucht. Auch Stefans Freunde, der 18-jährige Frank J., der ein Jahr ältere David S. sowie die 20-jährige Nicole K. waren in der Wohnung zu Besuch. Als sich Maiko Z. verabschieden wollte, fiel die Clique über ihn her: Sie schlugen mit Eisenstangen auf ihn ein, zwangen ihn, Katzenkot zu essen.

Als sich der junge Mann vor Angst in die Hosen machte, musste er mit einer Zahnbürste den Boden putzen. Auch als der 20-Jährige versuchte, sich aus Verzweiflung die Pulsadern aufzuschneiden, zeigten die Peiniger kein Erbarmen mit ihrem Opfer. Sie entrissen ihm sein Handy und die Papiere, pressten ihm die Geheimnummer des Kontos ab. „Abheben konnten sie nichts. Das Konto war überzogen“, sagte ein Ermittler. Erst nach drei Stunden ließ das Quartett sein Opfer frei.

Ein extremer, doch kein Einzelfall. Erst im vergangenen Jahr standen fünf Jugendliche vor Gericht, die stundenlang einen 16-jährigen Realschüler gequält hatten. Die Clique hatte den Jungen auf einem Charlottenburger Schulhof abgefangen und in eine Wohnung am Klausenerplatz verschleppt. Die Jugendlichen schlugen ihrem Opfer unter anderem mit Tischtenniskellen auf das Gesäß, zwangen es, ein Saft-Essig-Öl-Gemisch und seinen eigenen Urin zu trinken. Die Haupttäter wurden zu Freiheitsstrafen von bis zu drei Jahren und zwei Monaten verurteilt.

Eine zunehmende Verrohung der Jugend kann nach Ansicht von Experten aus solchen Gewaltexzessen nicht abgeleitet werden. „Laut Kriminalstatistik gibt es keine Häufung dieser Fälle“, sagt Steffen Lau vom Institut für forensische Psychiatrie. Häufig entwickele sich die exzessive Gewalt der Jugendlichen über einen gruppendynamischen Prozess. Die Täter hätten zuweilen eine gewisse psychische Prädisposition, die aus eigener Gewalterfahrung in der Familie stammen könne. Sie seien aber keine Psychopathen, ihre Taten kein reiner Ausdruck von Sadismus. Viele der beteiligten Jugendlichen schaffen es während der Übergriffe nicht, sich gegen den Druck der Gruppe aufzulehnen. Lau: „Es heißt dann oft: Eigentlich wollten wir aufhören – aber es ging nicht mehr.“

Das Unheil nimmt laut Lau in der Regel eher harmlos seinen Lauf. Die Jugendlichen treffen sich wie schon so viele Tage zuvor, um zusammen „abzuhängen“. Halbstarke Sprüche machen die Runde, allmählich staut sich in der Gruppe das aggressive Potenzial. Oft fallen mit Bier und Schnaps die letzten Hemmungen. „Dann ziehen sie gröhlend durch die Straßen, und es kann jeden treffen: alte Menschen, Ausländer, Prostituierte oder eben Behinderte“, sagt Lau.

Der 20-jährige Maik L. hat sich aus Scham erst Stunden später einer Betreuerin im Heim anvertraut. Das Quartett ist der Polizei bereits wegen mehrerer kleiner Delikte – unter anderem wegen Rauschmittelkonsums – bekannt. Als die Polizei am Montag die Wohnungen der Beschuldigten durchsuchte, soll es den Beamten zuweilen den Atem verschlagen haben. „Sie waren völlig verwahrlost“, sagt ein Ermittler.

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