Berlin : So viel Wahlkampf war nie

NAME

Von Suzan Gülfirat

Jeden Montag im Tagesspiegel: Ein Rückblick auf die in Berlin erscheinenden türkischen Tageszeitungen.

„Türken favorisieren Schröder“, stand am Sonnabend in Riesenbuchstaben auf der Titelseite der Boulevardzeitung Hürriyet. Dazu zeigte die Zeitung den Bundeskanzler in Siegerpose. So viel Wahlkampf, so viele Interviews mit deutschen Spitzenpolitikern und so viele selbstbewusste Forderungen an sie gab es in türkischen Zeitungen noch nie. Außenminister Joschka Fischer gab zum Beispiel der Boulevardzeitung Hürriyet ein Interview und sagte das, was die meisten Türken hören wollen: „Die westlich eingestellte Türkei sollte (in Bezug auf EU-Mitgliedschaft) unterstützt werden.“ Bundeskanzler Gerhard Schröder sprach mit der etwas liberaleren Tageszeitung Milliyet. Das Interview wurde am Freitag veröffentlicht. „Zeigt, wie stark ihr seid“, rief er auf der Titelseite die Türken auf, wählen zu gehen. An diesem Tag erschien in der Milliyet auch eine große Anzeige der SPD. Im Gegenzug zählte die Milliyet am gleichen Tag auf, was sie von Schröder fordert: doppelte Staatsbürgerschaft, Türkischunterricht, Aufhebung des Visa-Zwangs, und zwar sofort, Gleichberechtigung bei der Vergabe von Arbeitsplätzen, kommunales Wahlrecht. Der Religionsunterricht soll in sichere Hände (die Milliyet präferierte bisher das türkische Konsulat). Gleich hohes Kindergeld für die Kinder der Deutschlandtürken in der Türkei, wie für die Kinder in Deutschland. Ein Antidiskriminierung-Gesetz. Kein Sprachtest bei der Einbürgerung.

Und die Hürriyet bombardierte die Bundesregierung mit Vorwürfen. „Das ist die Organisation die Du gezüchtet hast Deutschland“, schrieb sie am Freitag riesengroß auf der Titelseite. Das Blatt zeigte eine Aufnahme von einem älteren weißbärtigen Mitglied einer Moschee, das einem Polizisten seinen deutschen Pass zeigte. Einen Tag zuvor hatte Innenminister Otto Schily 16 weitere Teilorganisationen des islamistischen „Kalifatstaates“ verboten. Im Zuge des Verbots waren in fünf Bundesländern mehr als hundert Objekte durchsucht worden. Bayerns Innenminister Günter Beckstein, beruhigte in der rechts-nationalen „Türkiye“, die gern von frommen Türken gelesen wird, die jedoch nicht islamistisch sind, die Moslems: „Wer die Moschee nur zum Beten betritt, braucht sich keine Sorgen zu machen.“ Die „Operationen“ richteten sich nur gegen Radikale. In einem Interview sagte Beckstein noch einmal, dass er die Visa-Pflicht bei Besuchen von Verwandten aus der Türkei als große Ungerechtigkeit empfinde. Er hatte vor kurzem dies auch der Hürriyet gesagt und bei SPD und Grünen Wirbel verursacht

„Das Wort gehört den Türken“ druckte die Hürriyet wochenlang links oben auf ihrer Titelseite den Aufruf an die 500 000 türkischen Wähler (Wortlaut der Hürriyet). Wie viele von ihnen ihre Kreuze gemacht haben und wen sie letztendlich gewählt haben, wird jedoch keiner erfahren. Denn bei repräsentativen Umfragen wird nur nach Geschlecht und Alter gefragt – nicht nach ethnischer Herkunft.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar