So war das nächste Jahr in Berlin : Unser Rückblick auf 2016

Vorab und exklusiv: Ein Blick auf die Revolte in der CDU, die Wahlschlappe der AfD, verschwundene Komparsen am BER – und die Tücken von Türen.

von
Dieser Wegweiser und eine defekte Brandschutztür am BER haben 2016 ungeahnte Folgen.
Dieser Wegweiser und eine defekte Brandschutztür am BER haben 2016 ungeahnte Folgen.Foto: imago stock&people

JANUAR

Das Jahr beginnt mit strengem Frost. Sozialsenator Mario Czaja (CDU) beweist Führungsstärke und veranlasst nach der Grünen Woche den Umzug des Lageso ins Messegelände – mit beheizbaren Wartebereichen für 18 000 Menschen. Dank einer Ausnahmegenehmigung des Tüv dürfen sogar die Rolltreppen in der Unterführung am ICC wieder in Betrieb genommen werden. Für Ende 2019 kündigt die Verkehrslenkung den Bau einer provisorischen Fußgängerampel am Messedamm an. Zunächst müsse sich die Behörde aber auf den Ersatzverkehr für die frostbedingt eingestellte S-Bahn konzentrieren.

FEBRUAR

In der CDU rumort es. Mehrere Kreisvorsitzende kritisieren die mangelnde Präsenz von Landeschef Frank Henkel. Wegen einer Dienstreise durch die Mongolei bekommt der Innensenator davon aber nichts mit. Der Reinickendorfer Kreischef Frank Steffel, der sein Teppichgeschäft erst kürzlich aufgegeben hatte, nutzt die Gelegenheit zum Putsch: Aus einer Mitgliederbefragung geht er mit 22 Prozent Eher-Ja-Stimmen als Sieger hervor. Czaja wird mit 29 Prozent Teils-Teils-Stimmen Zweiter.

MÄRZ

Im Berliner Südwesten bricht der Verkehr zusammen, weil sich zur ITB am Messegelände mehrere tausend Veranstalterfahrzeuge verkeilt haben. Der Stau aus bayrischen Jodelgruppen, Schweizer Alphornbläsern, katalanischen Toreros und kantabrischen Heißluftverkäufern reicht bis hinters Dreieck Nuthetal. Mehrere Aussteller verbringen die Nacht in ebenfalls auf dem Weg zur Tourismusbörse gestrandeten Brandenburger Wellnessoasen. Sozialsenator Czaja, der die Kollision der Lageso-Außenstelle auf dem Messegelände mit der ITB vergessen hatte, tritt zurück.

APRIL

Die S-Bahn will nach Wiederaufnahme des Betriebs der erfolgreichen Imagepolitur der BVG („Weil wir dich lieben“) nicht länger tatenlos zusehen und startet eine eigene Kampagne. Sie soll ans Gewissen der Schwarzfahrer appellieren und zeigt den grünen Ring um das weiße „S“ als stilisierte Handschelle. Darunter steht: „Weil wir dich kriegen.“ Benimmkurse für die Kontrolleure lehnt die S-Bahn ab, weil sie dafür kein Geld vom Land erhalte. Auch Steffel präsentiert seinen Slogan, mit dem er zur Wahl im September antreten will: „Yo, wir schaffen das!“ Nach internen Informationen wollen die Werbeprofis um seinen Parteifreund, Justizsenator Thomas Heilmann, ihn mit dem Slogan als „Obama von der Spree“ inszenieren.

MAI

Die Friedrichshain-Kreuzberger Bürgermeisterin Monika Herrmann tritt überraschend zurück und wird Geschäftsführerin der IGA-2017-Gesellschaft. „Grüner wird’s nicht ;-)“, twittert sie zur Begründung nur. Ihr kommissarischer Nachfolger wird Franz Allert, der 2015 als Lageso-Chef gefeuert und nun vom Jobcenter mehrfach aufgefordert worden war, jede zumutbare Tätigkeit anzunehmen.

JUNI

Bei einem Wahlkampfauftritt am Alex wird Steffel von einem Überraschungsei getroffen, als er sich schützend vor Horst Seehofer stellt. In einem Interview zollt Edmund Stoiber Steffel dafür „großen, äh, Respekt“, aber in Umfragen sinkt die Berliner CDU weiter auf 17 Prozent. Erschwerend kommt hinzu, dass die Piraten beim Googeln Steffels Slogan als Plagiat entlarvt haben: „Yo, wir schaffen das!“ stamme von Bob, dem Baumeister.

JULI

Weil die AfD laut Umfragen stärkste Kraft zu werden droht, einigt sich die SPD auf Thilo Sarrazin als Spitzenkandidaten. Eine Prüfung ergibt, dass er noch Parteimitglied sein müsste. Michael Müller will Kultursenator bleiben – „im Dialog mit der Stadtgesellschaft“. Doch Sarrazin lehnt auf telefonische Anfrage hin ab: Er arbeite gerade an seinem neuen Buch mit dem Titel „Ja, wir schaffen das ab“. Der auf der Couch von Sarrazins Usedomer Sommerhaus liegende Heinz Buschkowsky ruft aus dem Hintergrund, er habe ebenfalls kein Interesse.

AUGUST

Die Bürgerinitiative gegen die IGA in Marzahn löst sich auf. Zur Begründung teilt die Ehrenvorsitzende Monika Herrmann mit, dass das Konzept für das zur Gartenschau stattfindende Cannabis-Modellprojekt alle Kritiker überzeugt habe. Da IGAs – ebenso wie Bundesgartenschauen – rechtlich und finanziell exterritorialen Status genössen, brauche man keine Zustimmung deutscher Behörden. Der kommissarische Gesundheitssenator Frank Henkel, gerade auf Dienstreise in den Niederlanden, reagiert verschnupft.

SEPTEMBER

Bei der Wahl am 18.9. erlebt die CDU ein Desaster. Steffel tritt noch am Abend zurück und sagt, er wolle seinem Nachfolger Heilmann den roten Teppich ausrollen. Die AfD scheitert überraschend an der Fünfprozenthürde, nachdem kurz zuvor bekannt geworden war, dass ihr Spitzenkandidat seine Einliegerwohnung an eine Flüchtlingsfamilie vermietet. Die SPD gewinnt knapp vor den Grünen. Müller sagt, „die Stadtgesellschaft hat den verlässlichen Kurs der Partei honoriert“.

OKTOBER

Der Probebetrieb am BER muss nach nur drei Tagen abgebrochen werden, weil 700 Komparsen nach dem testweisen Einchecken verschwunden sind. Flughafensprecher Daniel Abbou teilt mit, auf die für Ende 2018 avisierte Eröffnung wirke sich der Vorfall nicht aus.

NOVEMBER

Der Fahrer eines Belüftungszuges entdeckt die BER-Komparsen im Bahnhof unter dem Terminal. Sie waren einem spiegelverkehrt montierten Schild „Ausgang“ gefolgt und dann hinter der falsch verkabelten Brandschutztür zum Bahnhof gefangen. In dem Regionalzug, der die dehydrierten Menschen zunächst nach Königs Wusterhausen bringt, kommt es zu Tumulten, weil der Snackautomat als Zahlungsart nur die BahnCard 50 akzeptiert.

DEZEMBER

Die Koalitionsverhandlungen stocken, weil die vier Spitzenkandidaten der Grünen über die Verteilung ihrer drei Senatsressorts streiten. Auch der Chefsessel in Kreuzberg ist wieder frei, nachdem die zeitweise favorisierte Claudia Roth sich mit ihrem Schal in der Tür des Rathauses an der Yorckstraße verfangen und daraufhin abgesagt hatte. Kurz vor Weihnachten bricht Müller die Verhandlungen mit den Grünen ab und einigt sich mit Heilmann auf eine große Koalition. Zentrales Projekt bis 2021 wird die Verlängerung der Stadtautobahn zur Frankfurter Allee.

6 Kommentare

Neuester Kommentar