Berlin : „So was gab’s noch nie“

IHK und Verein der Kaufleute streiten um 450000 Euro– diePräsidenten sind Teil des Problems

Alfons Frese

Es könnte ungefähr so gewesen sein. Zwei Präsidenten treffen sich im Büro des älteren. Edle Möbel auf prächtiger Auslegware. Das Arbeitszimmer des Bundeskanzlers sei dagegen eine Kammer, sagen manche. Der ältere Präsident und Gastgeber hält dem jüngeren Präsident einen kleinen Vortrag. „Lieber Herr Kollege, ich habe in meinem Berufsleben viele junge und erfolgreiche Menschen kennen gelernt. Am Anfang sind die alle beratungsresistent.“ So könnte es gewesen sein. Klaus von der Heyde, 64, war Chef der Berliner Bank und ist seit sieben Jahren Präsident des Vereins Berliner Kaufleute und Industrieller (VBKI); Eric Schweitzer, 39, Vorstandsmitglied und Miteigentümer der Entsorgungsfirma Alba, ist seit 2004 Präsident der Industrie- und Handelskammer Berlin (IHK).

Der Konflikt der beiden ehrenamtlichen Präsidenten scheint banal: Es geht um Geld. Doch die Angelegenheit ist verworren und reicht in die tollen Jahre nach der Wende zurück, als viele von Boomtown Berlin träumten und sich manche übernahmen. Zum Beispiel die IHK mit dem Ludwig-Erhard-Haus (LEH) an der Fasanenstraße. Das Haus wurde mit 167,5 Millionen Euro „zu erheblich höheren Kosten als vorgesehen fertig gestellt“, wie die Kammer zugibt. Und damit nicht genug: „Die erzielbare Marktmiete liegt deutlich unterhalb den damals prognostizierten 74,50 Mark.“ Tatsächlich ist der Quadratmeter im LEH heute für zehn bis 15 Euro zu haben.

Und während die Kammer unter den Kosten des Klotzes ächzt, seit Jahren spart und Gebühren erhöht, profitiert der VBKI von der Immobilie: Einnahmen von 880000 Euro stehen Ausgaben von rund 425000 Euro gegenüber; es bleiben also gut 450000 Euro hängen. Auf Kosten der Kammer, wie Schweitzer und sein Hauptgeschäftsführer Jan Eder meinen. Anders gesagt: Die klamme Kammer (170000 Mitglieder) finanziert den wohlhabenden Verein (1000 Mitglieder).

Das wollen die forschen jungen Männer an der IHK-Spitze nicht akzeptieren. Sie fordern – unter anderem per Mahnbescheid – eine höhere Erbbaupacht vom Verein und verweisen dazu auf eine Vertragsklausel: Der Erbbauzins wird demnach angepasst, wenn sich die Durchschnittsmiete im LEH jährlich um drei Prozent verändert. Und da es mit den Mieten dramatisch bergab ging, sieht sich die IHK auf der sicheren Seite. Der VBKI führt seinerseits eine Zusatzvereinbarung an, die 1999 abgeschlossen wurde. Vereinspräsident von der Heyde in einem Schreiben an seinen Mitbewohner Schweitzer: „Die Anpassungsklausel des Erbbaurechtsvertrags käme nur dann zur Anwendung, wenn das Durchschnittsmietniveau im Hause die Kostenmiete überschritte.“ Und davon – die Kostenmiete wurde ja bei 74,50 Mark festgeschrieben – könne natürlich keine Rede sein. Richtig sauer ist von der Heyde über einen Mahnbescheid über 235000 Euro, der auf Veranlassung der IHK dem VBKI zuging. „Für den VBKI stellt sich hiermit die Existenzfrage“, klagt von der Heyde gegenüber Schweitzer. „Wir empfinden es als ungewöhnlich, von der unter demselben Dach residierenden, freundschaftlich verbundenen IHK mit einem gerichtlichen Mahnbescheid konfrontiert zu werden, ohne je eine Forderung erhalten zu haben.“

Das Grundstück an der Fasanenstraße, auf dem das LEH steht, gehört IHK und VBKI. Um das neue Haus bauen zu können, brauchte die IHK also die Mitwirkung des VBKI. Dessen historisches Vereinshaus musste abgerissen werden, obwohl „ein Juwel und von mir mit Hilfe von Bankkrediten total saniert gewesen“, sagt der damalige VBKI-Präsident Hans Strathus. „Dieses baulich und historisch wertvolle Haus wurde vom VBKI aufgegeben für die gemeinsame Zukunft von IHK und VBKI im Ludwig-Erhard- Haus.“ Die Differenz von 450000 Euro zwischen Erbbaupacht und Miete zugunsten seines Vereins erklärt Strathus so: „Die Erzielung eines solchen Überschusses war Ziel der ganzen Veranstaltung“, damit der VBKI „gemeinnützige Zwecke bei Bildung, Kultur und Sport“ verfolgen könne, was er „vorbildlich gemacht hat“.

Seinen Verdruss über die „augenblickliche Uneinigkeit“ von Verein und Kammer offenbart der 78-jährige Strathus mit kleinen Attacken auf die rund 40 Jahre jüngeren IHK–Chefs Schweitzer und Eder. „Als ich schon für die Kammerorganisation arbeitete, war der jetzige Präsident der Berliner IHK noch gar nicht geboren.“ Schlimmer noch als das Alter ist für Strathus das Verhalten Eders, der seine Mitgliedschaft im VBKI gekündigt hat. „So was gab es noch nie“, empört sich der Ehrenpräsident des Vereins.

Vielleicht bleibt Eder aber auch dem Verein erhalten, wenn die demnächst anstehenden Verhandlungen zu einem Kompromiss führen. Ursprünglich sollten von der Heyde und Schweitzer die Friedensgespräche führen, jetzt schicken beide Seiten eine mehrköpfige Kommission – ohne von der Heyde und Schweitzer. Um die Einigung nicht zu gefährden.

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