Berlin : So will ich mir die kühle Endmoderne wohl schmecken lassen

Elisabeth Binder

Marlene-Dietrich-Platz 2, Berlin-Tiergarten, Telefon 25 53 12 34, geöffnet: täglich von 12 bis 14.30 und ab 18.30 Uhr, Kreditkarten: alle gängigenElisabeth Binder

Heute wollen wir mal in ein richtig modernes Restaurant gehen. Es soll so hip-hip wow!!! sein, daß der Zeitgeist auf der Zunge steppt wie einst der Bär auf dem Potsdamer Platz. Die bislang feinste Adresse dort ist das Vox im Grand Hyatt Hotel. Die Küchenrichtung orientiert sich an einem alten Erfolgsrezept aus der Schallplatten-, pardon, CD-Industrie: "Best of"-Sammelalben verkaufen sich immer recht gut. Warum nicht auch das Beste aus allen Küchen der Welt zum fröhlichen, endmodernen Stilmix zusammenfassen?

Das Ambiente ist an einem eher spartanischen Geschmack orientiert. Es verspricht, wie mein scharfäugiger Begleiter aus Blankenese auf den ersten Blick und mit leiser Trauer diagnostizierte, nicht gerade einen kuscheligen Abend. Aber wer will schon kuscheln, wenn draußen der Wind so überaus zukunftsfreudig um die Ecke pfeift. Die offene Küche (ein Muß-Anblick für jeden Hersteller von Dunstabzugshauben) ist riesig und geradezu offensiv offen. In ihrem großen Luxus erinnerte sie mich doch an Abbildungen in meinem alten Erdkundebuch über den Lebensstil der Menschheit in irgendwelchen Prä-Phasen der Geschichte. Nun ja, sowas ist eben einfach sehr, sehr schick jetzt. "Muß man aber nicht schick finden", grummelte Blankenese.

Als wir ankamen, waren die Empfangskellnerin und der Restaurantchef gerade in eine intensive Diskussion über die Platzverteilung vertieft. Da die Welt glücklicherweise nicht nur aus grummeligen Blankeneser Begleitern besteht, sind Plätze nämlich Mangelware in endmodernen Hip-Restaurants, da kann es noch so sehr Montag sein. Sie diskutierten, und wir standen. Ob sie denn schon wüßten, wo sie uns hinsetzen wollten, fragte ich nach einer Weile. Die Kellnerin schaute kurz hoch: "Ja natürlich." Nach einer weiteren Weile machte ich dann den Vorschlag, uns diesen Platz doch einfach mal zu zeigen. "Kein Problem", sagte die Kellnerin überrascht und führte uns über das fast antik wirkende dunkelbraune Parkett an einen allerliebsten Tisch unter gefrosteten Glasblöcken.

Wir befanden uns nunmehr in der Obhut einer so überaus netten, flotten und kompetenten Kellnerin, daß ich mich schon fragte, wo ein funkelnagelneues Restaurant dermaßen versiertes Personal herbekommt. Wie aus dem Reagenzglas so perfekt. Es gab Champagner für selbstbewußte 18 Mark das Glas. Außerdem Olivenbrot und dazu kaltgepreßtes Öl, von dem jeder einige Tropfen auf einen weißen Porzellanteller bekam. Das war die italienische Komponente. Tofu-Carpaccio die italienisch-asiatisch-vegetarische, aber das ließen wir lieber. Statt dessen Thunfisch mit Zitronenpfeffer auf Gurkenspaghetti mit Bagel-Chip. Das war, wie sich herausstellen sollte, die japanisch-italienisch-amerikanische Variante. Der Chip in Original-Bagelgröße und der Thunfisch, ohne Vorwarnung, roh. Die Kellnerin sah in Sekundenschnelle meinen mild entsetzten Blick und nahm ihn gleich wieder mit. Dann brachte sie einen französisch-asiatisch-italienischen Vorspeisentraum, der wirklich über die Maßen lecker war, Ratatouille-Schaum mit einer sehr langen, gewissermaßen tellerübergreifenden Pesto-Frühlingsrolle. Allenfalls hätte die Pesto-Füllung ein bißchen kräftiger sein dürfen (14 Mark).

Vielleicht hätte man neben der offenen Küche noch einen kleinen Plansch-Pool für todgeweihte Meeresviecher anlegen sollen. So hielt sich leider der Verdacht, der zierliche halbe kanadische Hummer könnte aus einer wohlverkleideten Tiefkühltruhe eher denn aus einem verborgenen Brünnlein auf den Teller gesprungen sein. Es gab dazu eine ganz und gar köstliche Mandarin-Kokos-Sauce (48 Mark) und, aus der Beilagenkarte, wilden Reis (7 Mark). Beilagen extra aufzuführen gilt neuerdings eben auch als fein, da mischen sich aufs pragmatischste ostalgische Elemente mit dem ausgefeilten Patchwork-Stil der Steakhausketten.

Man sieht, wenn man denn hinblickt, die ganze Zeit das Geflügel im Grill sich drehen (könnte man glatt Vegetarier werden dabei!). Leider hatte ich den genauen Moment verpaßt, da meine Brandenburger Landente ihren Garplatz verließ. Sie war jedenfalls sehr schön zart, serviert an Mango Chutney, das ihr einen hochaparten, todschicken Zahnarztgeschmack verpaßte, und dazu gab es, aus der separaten Beilagenkarte, Gemüse vom Biobauern aus dem Wok, das genau so gesund schmeckte, wie es aussah (34 Mark plus 7 Mark).

Die Weinkarte steckt kurz nach der Eröffnung natürlich noch in den Kinderpantoffeln. Es gibt einige vernünftige Basics unter anderem aus Deutschland (unsere erste Wahl war dann doch nicht vorhanden), Italien und der "Neuen Welt". Letztere paßte am besten in die futuristische Futterlandschaft, also tranken wir mit Vergnügen den Coastal Chardonnay von Mondavi (75 Mark).

Und dann die Desserts. Die Kokoscrème Brûlée mit Beeren war schon süß (14 Mark). Aber erst der Schokoladenteller! Eine Kugel Vanilleeis zwischen ein etwas zu kalt gewordenes Brownie geklemmt, Choc-Choc-Chip-Eis auf Choc-Chip Cookie, ein dreieckiges Schokogehäuse mit hinreißendem Mousse, weiße Schoko-Spirale und weißer Schoko-Schattenriß auf säuerlicher Sauce mit knackigen Granatapfelkernen (15 Mark). So will ich mir die kühle Endmoderne wohl schmecken lassen. Da mag Blankenese noch so unkuschelig gucken.

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