Berlin : So wirken Mittel gegen die Alkoholsucht

Björn Rosen

Beispiel: Distraneurin, laut Marktforscher IMS meistverkauftes Präparat seiner Art

Alkoholiker, die ihre Sucht überwinden wollen, schaffen den Entzug oft nur mit Hilfe von Medikamenten – mit Mitteln wie Distraneurin, das häufig am Anfang einer Therapie zum Einsatz kommt, wenn die Entzugserscheinungen noch so heftig sind, dass der Patient sie kaum ertragen kann. Distraneurin wirkt dämpfend, schwächt Unruhe, Schweißausbrüche oder Zittern ab und kann Krampfanfälle verhindern. Das Medikament wird schon seit langem verwendet und scheint bewährt: Es kam 1964 auf den Markt, und seitdem hat sich an seiner Zusammensetzung auch nichts verändert.

Distraneurin gibt es als flüssige Mixtur und als Kapseln. In beiden Fällen ist der im Labor hergestellte Wirkstoff Clomethiazol enthalten.

Schluckt der Entzugspatient eine Distraneurin-Kapsel, dauert es nur zehn Minuten, bis der Wirkstoff über die Schleimhaut ins Blut aufgenommen wird, nach rund 15 Minuten entfaltet er im Gehirn seine Wirkung. Trotz des jahrzehntelangen Einsatzes von Distraneurin wissen Mediziner bis heute wenig darüber, was im Gehirn unter Einwirkung des Medikaments genau passiert. Aber es gibt Anhaltspunkte: Klar ist, dass der enthaltene Wirkstoff Clomethiazol den Effekt müde machender Botenstoffe verstärkt. Wahrscheinlich werden die durch die Neurotransmitter GABA (Gamma-Amino-Buttersäure) und Gylcin (eine Aminosäure) hervorgerufenen Effekte im Gehirn verstärkt, so dass sie nachhaltiger und intensiver wirken. Im Gehirn des Patienten spielt sich dabei ein ähnlicher Prozess wie abends vor dem Einschlafen ab: Die Zellen schalten, beeinflusst von GABA und Glycin, in einen Ruhezustand um. In der Folge regelt der Organismus seine Leistung herunter.

Was sich so harmlos anhört, ist in Wahrheit ein massiver Eingriff in die natürliche Funktionsweise des Körpers. Die Gefahr der Abhängigkeit ist hoch. Deshalb darf Distraneurin nur unter ärztlicher Aufsicht, in Entzugskliniken, und nur für maximal 14 Tage verwendet werden. Auch in dieser Zeit bekommt der Patient das Mittel nicht in regelmäßigen, festen Abständen verabreicht, sondern immer nur bei Bedarf: Einer schluckt Distraneurin drei Mal täglich, der andere nimmt fünf Mal täglich zwei Distraneurin-Kapseln ein – je nachdem, wie schwer jemand unter der Entgiftung leidet.

Auf gar keinen Fall sollte der Patient in dieser Entzugsphase wieder Alkohol trinken, das Zusammenwirken mit Distraneurin könnte lebensbedrohliche Folgen haben, es könnte zum Beispiel zu Atemdepression, Blutdruckabfall oder sogar zu Bewusstlosigkeit und Herzstillstand führen. Manchmal bekommen ältere Menschen das Medikament als Schlafmittel verschrieben, aber das ist eher selten.

Eine Packung Distraneurin mit 25 Kapseln kostet 18,43 Euro, die Mixtur (300ml) 26,08 Euro. Ein anderes Mittel für den Alkoholentzug: Campral (168 Tabletten, 74,90 Euro), das häufig während und nach einer Therapie eingesetzt wird.

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