Berlin : So wirkt die neue Pille gegen Übergewicht

Björn Rosen

Die Hoffnungen sind groß: Das neue Medikament Acomplia, das seit knapp drei Wochen in der EU zugelassen ist, wird bereits als Wunderpille für krankhaft Fettleibige gehandelt; das ist sicher übertrieben. Tatsächlich aber verlor in klinischen Tests mit dem Mittel die Hälfte der über 6000 Probanden rund fünf Prozent, ein Viertel sogar zehn Prozent an Körpergewicht. In Großbritannien verkaufen die Apotheken das verschreibungspflichtige Acomplia schon: Umgerechnet 80 Euro kostet die Monatspackung dort. Anfang September wird es auch in Deutschland auf den Markt kommen und könnte ein Verkaufserfolg werden, nicht zuletzt, weil es dauerhaft eingenommen werden muss.

Acomplia, das nur für extrem Übergewichtige über 18 Jahren zugelassen ist, wirkt weitreichender als vergleichbare Medikamente und ist deshalb, wie der Hersteller Sanofi-Aventis betont, auch keine reine „Abnehm-Pille“, sondern eher eine, die „gesünder“ machen soll. So sorgt das Präparat dafür, dass die Zellen wieder empfindlicher auf den körpereigenen Energie-Einschleuser Insulin reagieren, eine Typ-2-Diabetes kann dadurch verhindert oder abgeschwächt werden.

Beim Wirkstoff Rimonabant – einer synthetischen Substanz, die unter anderem aus Kohlen-, Sauer- und Wasserstoffatomen zusammengesetzt ist – handelt es sich um eine Neuentwicklung, an der Wissenschaftler seit Beginn der 90er Jahre in einem französischen Labor des Pharma-Konzerns gearbeitet haben. Tierversuche haben gezeigt, dass Mäuse unter Einwirkung von Rimonabant gerne auf gutes, fettes Futter verzichten und stattdessen den gesunden Fressnapf ansteuern.

Im menschlichen Körper hat der Stoff zwei Angriffspunkte: Fett-, Muskel- und Leberzellen auf der einen, das Gehirn auf der anderen Seite; über das Blut gelangt der Wirkstoff dorthin. Auf der Oberfläche von Muskel-, Leber- und Fettzellen, insbesondere im Bereich des inneren Bauchfetts, dockt Rimonabant an Rezeptoren an, die unterschiedlichste Stoffwechselprozesse in der Zelle beeinflussen können. Durch die Verbindung ändert sich – ein komplizierter Prozess – die Eiweißsynthese. Die Zelle stellt nun andere Stoffe her als zuvor: Sie produziert zum Beispiel mehr „gutes“, gefäßschützendes Cholesterin. Auch ein Botenstoff, der sicherstellt, dass Insulin wirken kann, wird verstärkt gebildet.

Im Gehirn wirkt Rimonabant auf Regionen, die grundlegende Bedürfnisse des Menschen steuern – wie eben das nach Nahrung. Sie sind mit einem Netz von Rezeptoren durchzogen. Aktiviert wird dieses System unter anderem durch körpereigene Botenstoffe. Weil es Rimonabant gelingt, die Rezeptoren für diese Stoffe zu besetzen und damit zu blockieren, verspürt man mit Acomplia weniger Hunger. Das Sättigungsgefühl setzt früher ein.

Als Nebenwirkung kann das neue Medikament durch sein Eingreifen im zentralen Nervensystem Stimmungsschwankungen oder Ängstlichkeit auslösen. Beides scheint aber selten aufzutreten. Etwas häufiger sind Übelkeit und Erbrechen.

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