Berlin : So wirkt Thalidomid, der Contergan-Stoff

Adelheid Müller-Lissner

Thalidomid, der Wirkstoff im Beruhigungspräparat Contergan, galt lange als gefährlich. Auch heute ist die Wirkungsweise der Substanz immer noch nicht restlos aufgeklärt. Seit einigen Jahren deutet sich aber ein zaghaftes Comeback an. Nicht als Schlafmittel allerdings, sondern weil die Substanz auch einige andere biologische Prozesse anstößt – die erwünscht sein können. Zum Beispiel in der Therapie gegen Krebs und Aids.

Klar ist: Die chemische Verbindung Thalidomid tritt in zwei spiegelbildlichen Formen auf. Man könnte sagen: In ihrem räumlichen Aufbau verhalten sich die Molekülverbindungen zueinander wie rechte und linke Hand. Wahrscheinlich wirkt aber nur die eine „Hand“ als Schlaf- und Beruhigungsmittel. Die andere hilft zum Beispiel gegen schwere Entzündungen der Haut bei Lepra. Das soll zufällig entdeckt worden sein, als ein israelischer Arzt es einem betroffenen Patienten als Beruhigungsmittel verordnete. Inzwischen ist Thalidomid in den USA als Lepra-Mittel zugelassen. Auch bei Mundgeschwüren, die Aids-Kranke quälen, kann es eingesetzt werden.

Denn über Botenstoffe regt Thalidomid das Immunsystem an. Zudem kann es eine Gruppe von Zellen an der Freisetzung eines wichtigen Proteins hindern: des Tumornekrosefaktor-Alpha (TNF-Alpha), das an der Entstehung von Fieber beteiligt ist und auch bei entzündlichen Erkrankungen wie Rheuma eine tragende Rolle spielt. Außerdem bringt Thalidomid an der Oberfläche von bestimmten Zellen Moleküle zum Verschwinden, die die Anheftung aneinander ermöglichen. Dadurch wird die Kommunikation der Zellen gestört. Es war vermutlich dieser Mechanismus, der entscheidend dazu beigetragen hat, dass sich bei den Föten, deren Mütter das Mittel nahmen, die Gliedmaßen nicht richtig entwickeln konnten. Andererseits könnte der Effekt erwünscht sein, wenn es gilt, Entzündungen einzudämmen oder auch das Wachstum bösartiger Zellen zu verhindern.

Die Krebsbehandlung ist wahrscheinlich das spektakulärste Einsatzgebiet des Medikaments. Thalidomid blockiert mehrere Wachstumsfaktoren und macht es so Tumoren schwer, neue Blutgefäße zu bilden. So können sie ab einer bestimmten Größe nicht weiter wachsen.

Heute ist der Einsatz von Thalidomid in Deutschland noch ein „individueller Heilversuch“. Er ist nur vertretbar, wenn bei einer lebensbedrohlichen Erkrankung keine andere Therapie möglich ist. Und natürlich muss sichergestellt sein, dass Frauen, die das Mittel nehmen, konsequente Empfängnisverhütung betreiben.

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