Berlin : Sofa mit Schliff

Die Brüder Ronan und Erwan Bouroullec haben mit „Facett“ eine technisch anmutende Möbelserie entworfen

Rolf Brockschmidt

Es sieht aus wie ein riesiges Origami. Eckig, kantig, schnittig, wie gefalzt. „Facett“, der Name kommt nicht von ungefähr. Nicht mehr die wuchtige Masse des Kubus bestimmt die Kontur des Sofas, sondern der technisch luftige Look des auf Facette geschnittenen Kubus. Das Sofa verjüngt sich wieder nach unten, der rechte Winkel wird zur Seltenheit. „Facett“ als Sofa und Sessel ist ein Entwurf des bretonischen Designerduos Ronan und Erwan Bouroullec.

Die beiden Brüder aus Quimper entwickelten nach dem Studium 2001 den Stuhl „outdoor“ für ligne roset, ein breiter fragil wirkender Klappstuhl, sehr reduziert in der Form.

„Facett“ zeigt nun eine neue Formensprache für klassische Sitzmöbel wie Sofa und Sessel. Man nehme einen Kubus und fange an zu sägen, zu schneiden und zu schleifen. Das ergibt eine oben schmale, nach unten sich verbreiternde Lehne, die vorne wieder abgeschnitten wird. Der Unterbau des Sofas verjüngt sich stark nach hinten, die Sitzfläche hat einen Knick und irgendwie hat man das Gefühl beim bloßen Betrachten, dass der Sessel nicht sehr komfortabel ist. Stimmt aber nicht. Man sitzt sehr gut und wird im Rücken gestützt.

Ausgangslage für das Möbel war der Auftrag von ligne roset, etwas mit Schaum zu machen. „Wir gehen am liebsten von der technischen Seite an unsere Entwürfe heran. Deshalb wirkt ,Facett’ mathematisch, aber auch zeitgenössisch. Wir suchten nach einer Form, die funktioniert, und zwar in traditionellen Pariser Wohnungen … Gleichzeitig haben wir uns an Regeln gehalten, nach denen man ein Sofa bauen muss. Eine hohe Rückenlehne, ein bequemes, nicht zu weiches Polster“, sagt Ronan Bouroullec in einem Interview.

Bedeutend für die Inspiration war auch das Wissen um eine computergesteuerte Nähmaschine bei ligne roset, die die Brüder bereits für die Produktion ihres Stuhls eingesetzt hatten. Das Polster ist letztendlich ein Überwurf über einen Schaumstoffkern. Dieser Überwurf ist doppelt genäht und enthält etwas Schaumstoff in der Mitte. Er ist in fünf Zentimeter breite Streifen abgesteppt. Erst mit Hilfe dieser Technik ist die kristalline, gefaltete Struktur möglich, die auch ein wenig an Konstantin Grcics Stuhl Kaos denken lässt.

Die technische Anmutung hat zumindest in der Design-Welt für Furore gesorgt. „Facett“ ist schon mit einigen Preisen ausgezeichnet, beziehungsweise für einige Preise nominiert worden. Doch der Erfolg macht die beiden Franzosen nicht übermütig. „Man muss wissen, was man machen will und was nicht. Wir haben nie ein Projekt angenommen, das uns von Grund auf widerstrebt hat. Es darf nicht nur ums Geldverdienen gehen“, sagt Erwan Bouroullec im Interview. Daher zählt das Büro auch nicht viele Angestellte. „Ich will kein Geschäftsmann werden. Ich zeichne gern, und wenn wir viele Angestellte hätten, ginge das nicht mehr“, sagt Erwan Bouroullec. „Facett“ gibt es als Zwei- und Dreisitzer und als Sessel. Eine Fußablage in zwei Größen macht aus dem Sessel oder dem Sofa ein Relaxmöbel. Die Ablage passt sich dem schrägen Schnitt des Möbels an. Die Fläche für die Beine knickt dann ein wenig ab.

Wem das noch nicht reicht, der kann auch passend zu den Möbeln den ebenfalls gepolsterten Teppich in den Maßen 135 mal 240 Zentimeter ordern, der mit seinen zwölf Zentimeter breiten Streifen die gesteppte Struktur der Möbel wiederholt. Zusammen mit der Fußablage als Kopfstütze ergibt sich wieder eine reizvolle Kombination. Der Stoff Coda besteht zu 90 Prozent aus Schurwolle und zu zehn Prozent aus Polyamid.

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