Berlin : Solar Energy 2001: Die Windenergie geht ins Wasser

Stephan Kohler

In den vergangenen zehn Jahren hat sich die Windenergie rasant entwickelt: Gab es 1990 nur eine installierte Leistung von rund 100 Megawatt (MW) in Deutschland, wuchs der Wert bis jetzt auf rund 7000 MW. Allein im vergangenen Jahr kamen etwa 1700 MW hinzu, allerdings mit einer erkennbaren Sättigungstendenz. Die Windkraftwerke, die heute jeweils 1,5 bis 3 MW leisten, werden vorrangig an oder nahe der Küste gebaut, dort weht der Wind kräftig und stetig. Doch an solchen Stellen gibt es zunehmend Probleme - neue Strategien sind vonnöten.

Unter dem Gesichtspunkt der Energieausbeute ist der Bau von Windkraftwerken im Meer (offshore) die sinnvollste Lösung. Produzieren Windkraftwerke an der Küste etwa 2500 Volllast-Stunden pro Jahr, sind es auf dem Meer zirka 4300 Stunden. Oder anders ausgedrückt: Werden von einer Anlage am guten Küstenstandort rund 1000 Haushalte mit Strom versorgt, so kommt eine Offshore-Anlage mit der gleichen Leistung auf etwa 1700 Haushalte. Diese Steigerung wird jedoch teuer erkauft: Offshore-Windkraftwerke müssen im Meeresboden verankert, der Strom per Seekabel zum Festland transportiert werden. Wartungsarbeiten und etwaige Reparaturen sind nur vom Schiff oder Helikopter aus möglich.

Außerdem dürfen aus Umweltgründen in den so genannten küstennahen Flachwassergebieten Deutschlands keine Windkraftwerke gebaut werden: praktisch vor der gesamten Nordseeküste verläuft der "Nationalpark Wattenmeer". Offshore-Anlagen müssen einen Mindestabstand von rund 30 Kilometern einhalten, sie stehen dann in Wassertiefen zwischen 20 und 40 Metern. Dies wiederum zwingt wirtschaftlich zu Windkraftwerken mit größeren Leistungen.

Derzeit entwickeln die Hersteller Geräte mit einer Leistung von rund 5 MW, um die spezifischen Kosten zu senken. Diese Anlagen werden an Land getestet, damit sichergestellt ist, dass sie später im Meer zuverlässig arbeiten. Ingenieurbüros und Betreiberfirmen entwickeln heute bereits Pläne für große Windparks in der Nord- und Ostsee, etwa 15 Projekte von Borkum über Helgoland bis Rügen mit einer Gesamtleistung von etwa 7000 MW sind in Arbeit.

Die Fertigstellung ist für die Jahre 2004 und 2005 vorgesehen, doch das ist wohl doch zu optimistisch geschätzt. In einer neuen Studie kommen die Niedersächsische Energie-Agentur (Nds.EA) und das Deutsche Windenergieinstitut (DEWI) zu dem Ergebnis, dass unter Annahme realistischer Planungsabläufe im Jahr 2010 rund 2000 bis 3000 MW in Betrieb sein werden. Bis 2020 könnten es etwa 8000 MW sein und 2030 so zwischen 15 000 und 20 000 MW. Mit diesen 20 000 MW können rund 15 Prozent des deutschen Stromverbrauchs gedeckt werden. Dafür würde offshore eine Fläche von 1732 Quadratkilometern benötigt, was rechnerisch einem Quadrat mit einer Kantenlänge von 42 Kilometern entspricht.

Zu den technischen und wirtschaftlichen Fragen kommen weitere hinzu: zur ökologischen Verträglichkeit, der Seefahrtsicherheit, den Auswirkungen auf Fischfang und Tourismus sowie zur Verträglichkeit mit anderen Nutzungen der Meere - beispielsweise der militärischen. Und zu klären ist auch noch, wie diese Windparks technisch und wirtschaftlich in das elektrische Verbundnetz zu integrieren sind. Denn je größer die Offshore-Kapazität wird, desto präziser muss der Blick auf die Auswirkungen auf den Kraftwerkspark (zum Beispiel auf die Reservehaltung) ausfallen.

Dann die Abstimmung der Behörden: Allein auf Bundesebene sind mindestens fünf Ministerien direkt einzubinden, hinzu kommen die Landesbehörden von Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern und Hamburg, sowie im internationalen Bereich die Niederlande und Dänemark. In den Planungsprozess müssen auch die betroffenen Verbände und Institutionen eingebunden werden.

Die Deutsche Energie-Agentur kann dabei helfen, diese Abstimmungen zu verbessern und zu beschleunigen. Aufgrund ihrer Struktur ist sie dafür auch gut geeignet, denn sie ist eine Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland und der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW), in der die für diese Fragen wichtigsten Ministerien (Wirtschaft, Umwelt, Verkehr) direkt eingebunden sind. Die Deutsche Energie-Agentur versteht sich als Mittler zwischen den verschiedenen Interessen, wobei eine klare Positionierung für die Nutzung der Windenergie vorhanden ist. Dies darf aber nicht gegen ökologische Interessen geschehen, sondern im Einklang mit ihnen, was durchaus möglich ist.

Bei der ökologischen Bewertung der Windenergie dürfen allerdings nicht nur die unmittelbaren Auswirkungen auf Landschaft und Umwelt berücksichtigt werden, gefordert ist eine gesamtheitliche Betrachtung der Energiesysteme. Richtige Planung vorausgesetzt, weisen Windkraftwerke Vorteile auf, die offshore noch gesteigert werden können. Denn auf dem Meer gibt es halt keine Wohngebiete - also rechtlich keine "direkte nachbarschaftliche Betroffenheit". Bei Land-Standorten führt das ja häufig zu Konflikten.

Windkraftwerke produzieren im Betrieb keine Schadstoffe, die in ihnen bei der Herstellung "verbaute" Energie ist binnen weniger Monate wieder hereingeholt: Argumente, die unter Klimaschutzgesichtspunkten sehr positiv einzuschätzen sind. Und die Herstellung der Anlagen schafft neue Arbeitsplätze. Nach den Modellrechnungen der Nds.EA und des DEWI werden bis zum Jahr 2020 durch den Bau von 8000 MW Offshore-Windkraftwerken und ihrer Infrastruktur Investitionen von etwa 40 Milliarden Mark erforderlich, was zu 13 000 neuen Arbeitsplätzen führen dürfte: 11 000 direkt bei der Herstellung, weitere 2000 für den Betrieb.

Die Stromerzeugungskosten solcher Windkraftwerke sind natürlich sehr stark von den Rahmenbedingungen abhängig. Heute werden bei einem Windpark mit 500 MW Leistung und einer Entfernung von 30 Kilometern zur Küste Werte zwischen elf und 13 Pfennig pro Kilowattstunde als erreichbar angesehen. Mit der Möglichkeit, Windkraftwerke im Meer zu bauen, eröffnet sich ein Zubaupotenzial, das energiewirtschaftlich immer interessanter wird. Eines Tages könnte auf den Erdöl- und Erdgasbohrinseln in der Nordsee sogar Wasserstoff aus Strom erzeugt werden, der in großen Offshore-Windparks produziert wird.

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