Solidarität mit Protestanten in Kiew : Ukrainische Studenten demonstrieren in Berlin

Der Maidan, der Unabhängigkeitsplatz in Kiew, ist weit weg. Aber Ukrainer gehen auch in Berlin auf die Straße, um sich mit dem Protest zu solidarisieren. Viele rufen täglich in der alten Heimat an: Geht es euch gut?

Eva Riedmann
Kerzen für den Frieden. Oleksandra Bienert demonstriert in Berlin für die alte Heimat. Vor der ukrainischen Botschaft wird der Toten gedacht.
Kerzen für den Frieden. Oleksandra Bienert demonstriert in Berlin für die alte Heimat. Vor der ukrainischen Botschaft wird der...Foto: Igor Magrilov, berlin-visual.com

Manchmal muss Oleksandra Bienert mitten im Satz laut loslachen. Vor Entsetzen. Sie schaut auf den Tisch und schüttelt den Kopf. „Eigentlich ist es bei uns schon wie in Syrien“, sagt sie dann. Die 30-Jährige kommt aus Kiew. Seit acht Jahren lebt sie in Berlin, hat hier studiert und arbeitet als Historikerin bei einer Stiftung. Ihre Mutter und viele ihrer Freunde leben noch in der ukrainischen Hauptstadt. Manche von ihnen stehen auf dem Maidan, dem Unabhängigkeitsplatz, und demonstrieren gegen die Regierung von Ministerpräsident Janukowitsch. Oleksandra Bienert telefoniert oft mit ihnen, will immer auf dem aktuellen Stand sein. Dass sie die Demonstranten bewundert, sagt sie nicht nur. Man merkt es, wenn man mit ihr spricht. Über Silvester war sie selbst in Kiew. „Es war schön, das zu sehen. Damals war es noch friedlich“, sagt sie. Dann erzählt sie von der Gruppe Babylon 13, die Demonstranten in Kurzfilmen porträtiert. Bienert kann noch viele solcher Beispiele aufzählen. „Man muss sich mal vorstellen, in Berlin würde auf friedliche Demonstranten geschossen werden.“ Sie reißt die Augen auf, spricht schneller.

Auch Oleksandra Bienert geht auf die Straße, in Berlin. Sie ist Teil der Gruppe „Pravo“, die sich seit 2012 mit Menschenrechten in der Ukraine auseinandersetzt. Acht Mal haben sie schon demonstriert. Am Mittwochabend waren über 100 Menschen da, vor allem Ukrainer. Es war eisig kalt und trotzdem noch fünf Grad wärmer als in Kiew. Vor der ukrainischen Botschaft in Mitte, in Laufweite zur Friedrichstraße, hielten sie bibbernd Schilder mit „Stop violence“ hoch und zündeten Grablichter für die erschossenen Demonstranten an. Manche weinten.

Die ukrainische Gemeinschaft ist stark zersplittert

Getragen wird der Protest auch in Berlin hauptsächlich von jungen Menschen. Sie wollen, dass sich die Ukraine gegenüber Europa öffnet. Dass Ukrainer in Europa studieren und arbeiten können. Viele von ihnen sind in Menschenrechtsgruppen aktiv, einmal im Monat gibt es einen Studentenstammtisch. Sie sind gut vernetzt. Im Gegensatz zu den anderen der rund 8800 Ukrainer in Berlin. Einen Verband gibt es offenbar nicht, ebenso wenig wie eine Bar oder ein Restaurant als zentralen Treffpunkt. Einige Ukrainer frequentieren die jüdische Gemeinde in Berlin, wenige die katholische. Die russisch-orthodoxe Kirche in Wilmersdorf wird von Ukrainern besser besucht. Es leben Künstler aus der Ukraine hier, Studenten, Geschäftsleute.

„Die ukrainische Gemeinde ist stark zersplittert“, sagt David Lang. Seit mehr als 20 Jahren lebt er in Berlin, seine Mutter ist Deutsche, sein Vater Ukrainer. Mit der Ukraine fühlt er sich verbunden. Er sagt Sätze wie: „Mein Blut ist ukrainisch.“ In Berlin betreibt er ein Restaurant. „Matreshka“ heißt es, es gibt osteuropäische Spezialitäten. Zu jeder Mahlzeit einen Wodka. Viele seiner Köche seien Ukrainer, erzählt er. „Die Stimmung ist aufgeheizt, die Menschen sind nervös.“

Viele rufen in den vergangenen Tagen oft während der Arbeitszeit bei ihren Familien in der Heimat an. „Wie geht es meinem Enkelsohn, wie geht es meiner Tochter?“, fragen sie. Lang selbst wirkt gelassen. Vielleicht liegt es daran, dass der Großteil seiner Familie auf dem Land wohnt. Dort ist der Protest nicht angekommen.

In Berlin schon. Die Gruppe um Oleksandra Bienert demonstriert weiter, wie ihre Freunde in Kiew. Die EU müsse der Ukraine zumindest den Geldhahn zudrehen, finden sie. „Ich bin besorgt“ – das ist einer der Sätze, den sie nicht mehr hören kann. „Alle sind besorgt, aber keiner tut was“, sagt Bienert. Das ist einer der Momente, in denen sie loslachen muss.

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