• Solidarität unterm Zeltdach: Flüchtlinge wollen weiter auf dem Oranienplatz campieren

Solidarität unterm Zeltdach : Flüchtlinge wollen weiter auf dem Oranienplatz campieren

Die Flüchtlinge auf dem Oranienplatz frieren und wollen doch ausharren. Sie pochen auf bessere Bedingungen in Asylunterkünften.

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Am 16. November sind einige Flüchtlinge, die vor dem Brandenburger Tor protestieren, erneut in Hungerstreik getreten.Weitere Bilder anzeigen
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15.12.2012 14:20Am 16. November sind einige Flüchtlinge, die vor dem Brandenburger Tor protestieren, erneut in Hungerstreik getreten.

Es dämmert, die feuchte Kälte kriecht an diesem Novemberabend bis in die Knochen. Am Oranienplatz in Kreuzberg eilen die letzten Feierabendpendler zum Bus, dick eingepackt, auf dem Weg in ein warmes Zuhause. Ein paar Meter entfernt sind zehn weiße Zelte aufgebaut. Seit vier Wochen campieren hier etwa 40 Asylbewerber aus der ganzen Welt, unter ihnen Turgay, 39, Flüchtling aus der Türkei. Er sitzt in einem der Zelte auf einer Matratze, in Decken gehüllt. Bis zu acht Leute passen in ein Zelt, manche haben ein kleines für sich allein. Neben Turgays Matratze steht ein Notstromaggregat, das mit Benzin betrieben wird. „Ich schalte es nur an, wenn ich es gar nicht mehr aushalte“, sagt er. Das Zeltdorf am Oranienplatz ist sein Zuhause auf unbestimmte Zeit.

Turgay hat aushalten gelernt, auch den Schmerz, nach 15 Jahren in einem türkischen Gefängnis und vielen Jahren auf der Flucht in verschiedenen deutschen Asylbewerberunterkünften. „Ich war schon immer ein Revolutionär. Sie haben mich weggesperrt, weil sie die Wahrheit nicht hören wollten.“ Als türkischer Journalist hat er in Zeitungen und Magazinen viel über Frauenrechte und Arbeiterkämpfe geschrieben und zuletzt sechs Bücher veröffentlicht. Jetzt setzt er sich für die Rechte der Asylbewerber ein, gemeinsam mit 40 anderen Männern, Frauen und Kindern aus Afghanistan, Tunesien, Algerien und der Türkei. Dafür sind sie 600 Kilometer in einem Protestmarsch von Würzburg bis nach Berlin gelaufen. „Wir wollen mit diesem Camp zeigen, wie ein unabhängiges gemeinschaftliches Leben funktioniert und wie man zusammen ein Ziel erreichen kann“, sagt er.

Das Ziel lautet: bessere Bedingungen für Asylbewerber und Abschaffung der Residenzpflicht. „Das Essen in den Asylbewerberunterkünften ist sehr schlecht und die Menschen leben wie im Gefängnis. Sie dürfen sich nur in einem Umkreis von 30 Kilometern aufhalten“, sagt Turgay. Er erinnert sich an seine Zeit in einem Wohnheim für Asylbewerber in Bramsche bei Osnabrück. „Ich ging in einer Straße spazieren und als ich an eine Kreuzung kam, musste ich umkehren. Ich durfte nicht mehr in die Nebenstraße abbiegen, weil ich den erlaubten Radius sonst verlassen hätte.“ Die Flüchtlinge würden nicht integriert, sagt Turay. Sie fühlten sich von der Gesellschaft isoliert.

Im Camp ist das anders. In der Küche sitzen die Bewohner in einer Sitzecke aus Sofas und Sesseln und warten auf ihr Abendessen. Manche wollen sich auch nur ein bisschen aufwärmen, bevor sie eine weitere Nacht in kalten Zelten verbringen. Es gibt heißen Tee und Kaffee aus Thermoskannen.

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